Hosenröcke – nicht nur der Heilige Stuhl ist entsetzt

Hosenröcke – nicht nur der Heilige Stuhl ist entsetzt
Poiret Modell. von Bain News Service [Public domain oder Public domain], via Wikimedia Commons

Mode 1911:

Im Mittelpunkt der Diskussion über die Mode des Jahres 1911 steht die Hose für die Frau. Sowohl der berühmte Paul Poiret als auch das Haus Bechoff-David und Drecoll stellen die neuen Jupe-Culottes, die Rockhosen, vor. Sie sind fast bodenlang mit sehr weiten Beinen, sodass die Teilung nur bei einem größeren Schritt auffällt. Poiret schlägt darüber hinaus praktische Overalls für Haus und Garten und lange »Haremshosen« mit einer engen Tunika darüber vor. Die Meinungen über die Hose für die Frau sind geteilt: »Die Welt droht aus den Angeln zu gehen über die Hosentracht der Frau … alle anderen öffentlichen Interessen scheinen gering gegen das Ereignis, daß … eine Reihe von Dämchen auf dem Rennplatz von Auteuil in der neuen Tracht Spießruten laufen mußten … Im Vatikan ist man entsetzt über die neue Frauenmode, die Jupe-Culotte«, schreibt die Zeitschrift »Neue Frauenkleidung und Frauenkultur«, Nr. 4. Obwohl die Pariser Tanzmeister der neuen Kleidung zu Ehren sogar einen Hosenrocktanz erfanden, wird das neue Kleidungsstück weitgehend abgelehnt. Nur eine emanzipierte Dame schreibt, voll des Lobes über die neue Beinfreiheit: »Was ist törichter und ungesünder als gerade unsere Röcke? … eine Frau, die über die Straße geht, in der einen Hand einen Regenschirm haltend, mit der anderen das Kleid aufraffend, unter welchem ein bespritzter Unterrock hervorsieht, ist … keine elegante Erscheinung. Viele Frauen bleiben bei schlechtem Wetter zu Hause, der Röcke halber!« (»Neue Frauenkleidung und Frauenkultur«, Nr. 1).

Poirets größter Verdienst aber liegt darin, das Korsett abgeschafft zu haben. Hierin sind sich sowohl die Modejournalistinnen als auch – und dies zum ersten Mal – die Verfechterinnen des gesunden Reformkleids einig.

Trotz aller Kontroversen befindet sich die Modewelt ganz im Poiret-Fieber. Seine Kleider sind im Stil der Empire-Chemisen gefertigt. Sie haben angeschnittene Ärmel, eine extrem hohe Taille, die nur durch ein Zugband oder eine schmale Schärpe dicht unter der Brust angedeutet ist, daran schließt ein locker gereihter Rock. Bei seinen 1910 lancierten Humpelröcken ist das bodenlange Kleid am Saum durch eine enge Passe, auch aus Pelz, oder ein enges Unterkleid zusammengefasst. Seine schleppenden Abendkleider haben knielange Tuniken, die orientalische Saumstickerei oder Fransenbordüren aufweisen.

Paul Poiret versteht, seine Kreationen zu präsentieren. Er beauftragt Künstler, wie 1911 den Zeichner Georges Lepape, seine Modelle in einer Sammelmappe – »Les choses de Paul Poiret vues par Georges Lepape« – als bibliophile Kostbarkeit herauszubringen. Der Starfotograf Edward Steichen lichtet seine Kreationen ab. Poiret verpflichtet die besten Mannequins für seine Vorführungen: »Wenn wir die wunderhübschen Gestalten betrachten, die uns die Schöpfungen Poirets vorführen, die anmutigen Frauen, die mit dem häßlichen Wort: mannequin (zu deutsch Männchen, was soviel wie Gliederpuppe bedeutet) benannt werden, so müssen wir uns darüber wundern, daß der Französin mit einem Schlage gelingt, wofür wir uns seit Jahren bemühen, d. h. daß sie sich plötzlich ohne Korsett so gewandt und anmutig bewegt, als hätte sie nie eines getragen« (»Neue Frauenkleidung und Frauenkultur«, Nr. 2).

Poiret Modell. von Bain News Service [Public domain oder Public domain], via Wikimedia Commons

Poiret Modell. von Bain News Service [Public domain oder Public domain], via Wikimedia Commons

Poiret führt seine neuen Kreationen bei theatralisch inszenierten Festen vor, die ein großes gesellschaftliches Ereignis sind. Im Juni bittet er zum persischen Fest »1002 Nächte«, für das der Maler Raoul Dufy die Einladungen auf Taschentücher malt. Madame Poiret erscheint in einer Haremshose und kurzer, wie ein Lampenschirm abstehender Tunika, die in Fransen endet. Im selben Jahr noch bringt Poiret sein erstes Parfüm, »Rosine«, auf den Markt und eröffnet eine eigene Designer-Schule, »Martine« genannt.

Im Alltag versuchen die Frauen, den Poiret-Stil, so gut es geht, nachzuahmen und mit ihrer gewohnten Silhouette in Einklang zu bringen. Sie sind jedoch nicht bereit, auf ihre großen Hüte zu verzichten, so dass es zum Eingreifen sogar des Berliner Polizeipräsidenten kommt: »Seit längerer Zeit ist die Beobachtung gemacht worden, daß viele Damen ihre Hüte auf dem Kopfe durch lange Nadeln befestigen, deren Spitzen über den Hutrand herausragen. Diese Hutnadeln bilden im Straßenverkehr, besonders innerhalb der Straßenbahnwagen, für alle, die in die Nähe der Trägerinnen solcher Nadeln kommen, eine große Gefahr, und es sind auch tatsächlich bereits mehrfach Anzeigen über Verletzungen … bei mir eingegangen«.