Probleme bei der Bewältigung des Verkehrs in den Städten – Züge werden schneller

Auto und Verkehr 1911:

20 Jahre nachdem in Berlin das erste Automobil gefahren ist, wird wegen der erhöhten Verkehrsdichte die Höchstgeschwindigkeit auf 25 km/h festgesetzt. Neben dem merklich zunehmenden Autoverkehr verfügt die Stadt über ein ebenfalls dichter werdendes Nahverkehrsnetz von Schnellbahnen, Kraftomnibussen und Stadtbahnen. Um der Überfüllung der Straßen besser begegnen zu können, schlägt die Elektrofirma Schuckert & Co. die Installation einer Schwebebahn nach dem Vorbild Wuppertals vor – ein Projekt, das nicht realisiert wird.

Über die Verkehrssituation in Berlin u. a. europäischen Städten gibt die Zeitschrift »Die Woche« folgendes Bild: »Der bekannte Engpaß der Berliner Friedrichstraße ist dem von Süden kommenden Wagenverkehr gesperrt worden. Polizeikommandos nötigen die Fuhrwerke, ihren Weg durch die Behren-, Charlotten- und Dorotheenstraße zu nehmen … Es ist nicht die erste Maßnahme, die in Berlin zum Zweck leichterer Abwicklung des Verkehrs getroffen wird. Schon seit längerer Zeit sind für den Potsdamer und Kemperplatz, für die Straße Unter den Linden wie für alle Straßen mit zwei Fahrdämmen besondere Vorschriften eingeführt worden. Man hat den Wagen bestimmte Wege vorgeschrieben, leere Droschken von sehr belebten Stellen ausgeschlossen und auch für den Verkehr beladener Frachtfuhrwerke Bestimmungen getroffen. Die jetzigen für die Friedrichstraße getroffenen Einrichtungen scheinen durch die in der Stadt Buenos Aires gemachten Erfahrungen eingegeben worden zu sein. Bei der Enge verschiedener großer dortiger Verkehrsstraßen nämlich besteht für einzelne von ihnen die Vorschrift, daß sie nur in einer Richtung befahren werden dürfen. In manchen europäischen Städten, wie Amsterdam und Köln z. B., ist sogar auf sehr verkehrsreichen Hauptstraßen der Wagenverkehr ganz, oder zu gewissen Zeiten, verboten …

Zahlreiche Persönlichkeiten, die das Ausland kennen, sind überhaupt der Ansicht, daß eine wirkliche nennenswerte Überlastung der Straßen in Berlin noch nicht besteht. In der Tat gibt es in ganz Berlin keine Stelle, die einen ähnlichen Wagenverkehr wie in Paris gewisse Strecken der Boulevards und die Champs-Elysees oder in London der Strand mit seinen Verlängerungen und Piccadilly während des größten Teils des Tages zu bewältigen haben. Viele endlose Reihen Wagen füllen dort stundenlang nebeneinander, fast ohne Zwischenraum, den Fahrdamm und machen ein rasches Vorwärtskommen in einem Gefährt unmöglich. Hat man es eilig, so ist man darauf angewiesen, zu Fuß zu gehen oder eine der unterirdischen Bahnen zu benutzen. Trotzdem ist der Fußgänger hier beim Überqueren der Straßen im Allgemeinen weniger gefährdet als in Berlin bei weit geringerem Verkehr, da die ganze Wagenmasse auf den Wink der überall verteilten Schutzleute sofort zum Stehen kommt und den Fußgängern den Weg öffnen muß. Allerdings verkehren weder in London noch in Paris auf den Hauptstraßen der inneren Stadt elektrische Bahnen … Während man in London und Paris während der mittleren Tagesstunden in den Hauptstraßen selten, in den Luxusstraßen fast nie Lastwagen antrifft, begegnet man in Berlin Mörtel-, Ziegel-, Bier-, Rollwagen und dergleichen fast zu jeder Zeit.«