Regierung dämpft Hurrapatriotismus

Regierung dämpft Hurrapatriotismus
Das Kanonenboot SMS Panther, Cay Jacob Arthur Renard [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons

Politik und Gesellschaft 1911:

Zudem schlagen während der Krise die Wellen nationalistischer Emotion gefährlich hoch. Mit »Hurra«-Geschrei begrüßt die deutsche Presse den »Panther«-Sprung nach Agadir, die Öffentlichkeit fordert von der kaiserlichen Regierung weiter gehende Schritte als nur Verhandlungen, der deutschkonservative Parteiführer Ernst von Heydebrand und der Lasa sagt wörtlich: »Wir sind bereit, wenn es die Stunde erfordert, wenn es die Ehre und das Ansehen unseres Landes verlangen, nicht nur Worte zu machen, sondern Opfer zu bringen an Gut und Blut… Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre.«

Bedächtiger reagiert die Reichsregierung, deren Mitglieder nicht auf demokratische Weise gewählt, sondern von Kaiser Wilhelm II. berufen werden. Der von den Konservativen wegen seiner »schwächlichen« Haltung im Marokkokonflikt geschmähte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg charakterisiert die nationalistische Stimmung so: »Krieg für den Sultan von Marokko, für ein Stück Sus oder Kongo oder für die Gebrüder Mannesmann wäre ein Verbrechen gewesen. Aber das deutsche Volk hat diesen Sommer so leichtfertig mit dem Krieg gespielt. Das stimmt mich ernst, dem musste ich entgegentreten.«

Die Marokkokrise wirft jedoch ihre Schatten nicht nur auf das Deutsche Reich und Frankreich. Italien nutzt die Krise, um dem Osmanischen Reich den Krieg zu erklären und Tripolis und die Cyrenaika zu annektieren. Italien gehört wie das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn dem Dreibund an, doch nach dem Tripolis-Coup misstraut die Donaumonarchie der Bündnistreue Italiens. Der k. u. k. Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf fordert sogar einen »Präventivkrieg« gegen Italien, weil er Rom Annexionsgelüste auf dem Balkan unterstellt.