Elektrotechnik an der Spitze

Wissenschaft und Technik 1912:

Wichtige technische Neuerungen betreffen die Serienfertigung des Automobils. Grundlegende Erfindungen gibt es auch auf den Gebieten der Elektrotechnik, der chemischen Industrie und der theoretischen Physik.

Auf dem Automobilsektor ist der US-amerikanische Hersteller Cadillac richtungweisend. Er bringt Serien-Pkw mit elektrischer Spulenzündung, mit elektrischem Anlasser und mit elektrischer Beleuchtung auf den Markt. Ebenfalls in den USA benutzt Chrysler erstmals eine Lack-Einbrennkabine im Automobilbau. Bisher wurden die Karosserien lediglich mit Farben angestrichen. Die Firma Hupmobile in Oakland stellt erstmals Pkw mit Ganzstahlkarosserien her, und die italienische Automobilfabrik FIAT fertigt die ersten Kleinwagen in Serie.

Zum Antrieb für Verkehrsmittel mausert sich der Dieselmotor. Das am 22. Februar zu seiner Jungfernfahrt aufgebrochene erste hochseegängige Schiff mit einer Dieselmaschine, die dänische »Selandia«, bewährt sich hervorragend. In der Seeschifffahrt überschattet allerdings eine tragische Katastrophe den technischen Fortschritt. Die als modernstes Schiff der Zeit und als unsinkbar geltende »Titanic« rammt am 14. April in der Nacht einen Eisberg und geht innerhalb von 2:40 h unter. Das Unglück führt u. a. zur Entwicklung des Echolots, das noch im selben Jahr der britische Physiker Lewis Fry Richardson zur Ortung von Eisbergen bei Nacht und Nebel vorschlägt. Noch 1912 entwickelt der deutsche Physiker Alexander Behm ein Echolot zur Ermittlung der Wassertiefe.

Sichtbarste Neuheit im Bereich der Elektrotechnik ist die Neonreklame. Nachdem der Franzose Georges Claude das von ihm erfundene Neonlicht 1910 auf dem Pariser Automobilsalon der Öffentlichkeit vorstellte, installiert es sein Landsmann Jacques Fonsesques jetzt erstmals in einem Friseurladen am Montmartre. Weniger spektakulär, aber nicht weniger bedeutend, sind drei weitere elektrotechnische Errungenschaften: Irving Langmuir, Physikochemiker aus Brooklyn, entwickelt die Hochvakuum-Diode, eine Elektronenröhre, die er »Pliotron« nennt. Die deutschen Ingenieure Elster und Geitel fertigen Elektronenröhren mit wasserstoffhaltigen Alkalimetallen an, die lichtabhängig Strom leiten und als Vorläufer der modernen Photozellen zu betrachten sind. Unabhängig voneinander entdecken Lee De Forest, Irving Langmuir, Edwin Howard Armstrong und Alexander Meißner die Möglichkeit der positiven elektronischen Rückkopplung. Das System besteht darin, einen Teil des Ausgangssignals eines Verstärkers an dessen Eingang zurückzuführen, um die Verstärkung zu erhöhen (»Regenerativ-Verstärker«).

Als Familie neuer Werkstoffe für den Maschinen- und Apparatebau präsentiert 1912 die deutsche Firma Krupp nichtrostende, säure- und hitzebeständige Chrom-Nickel-Stähle (NIROSTA, VA, V2A, V4A). Zwei andere neue Werkstoffe produziert die Chemie. Dem Deutschen Fritz Hofmann gelingt die Herstellung von synthetischem Kautschuk. Und der deutsche Chemiker Fritz Klatte und sein Mitarbeiter Zacharias in Griesheim melden ein Patent über ein technisch mögliches Verfahren zur Erzeugung von Polyvinylchlorid (PVC) in Emulsion an. Ausgangsstoff ist das 1835 bei Experimenten mit Acetylen von dem Franzosen Henri Victor Regnault entdeckte Vinylchlorid. Große Bedeutung erlangt dieses Material aber erst 1943, als es gelingt, durch Zusätze Weich-PVC herzustellen. Die theoretische Teilchenphysik bereichert der schottische Physiker Charles Thomson Rees Wilson mit seiner Erfindung der Nebelkammer. Geladene Elementarteilchen (radioaktive Strahlung) erzeugen in dieser mit unterkühltem reinem Wasserdampf gefüllten Kammer Nebelspuren und lassen sich dadurch beobachten. Bedeutend für die Atomphysik ist auch eine Entdeckung des Deutschen Max von Laue und anderer Physiker: Die Wissenschaftler erkennen die atomare Gitterstruktur.

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