Fasan für die gute Gesellschaft und Fleischextrakt fürs Volk

Ernährung, Essen und Trinken 1912:

Das Essen bzw. »Speisen« nimmt im gesellschaftlichen Leben der gehobenen Schichten des Bürgertums und des Adels einen sehr hohen Stellenwert ein.

Umfang und Qualität der Menüs, die auf den zahlreichen privaten Empfängen in hochherrschaftlichen Häusern angeboten werden, erinnern an die ausführlichen Schilderungen der kaiserlichen Tafel im Berliner Schloss. Exotische Früchte, erlesene Weine sowie eine große Auswahl von Fleisch und Fisch sind bei einer Einladung in ein großbürgerliches Haus selbstverständlich. Aus vielen Tageszeitungen oder auch aus der Zeitschrift »Die höfische und gesellschaftliche Küche« kann man nicht nur entnehmen, was wer wo gegessen hat, sondern hier gibt es auch die neuesten kulinarischen Tipps zu lesen. So empfiehlt z. B. die Berliner »Vossische Zeitung« für einen Ball im Saisonmonat Januar folgende Zusammenstellung für ein kleines kaltes Abendessen: »Sämtliche Speisen werden wie beim Gabelfrühstück auf die Tafel gestellt, in der Mitte ein Baumkuchen oder ein Aufsatz vom Konditor, dann kalte Pastete, Fische und Geflügel in Gelee, Rehrücken und andere Braten, Salate, Mayonnaisen, Kaviar, Austern, Zunge, geräucherter Lachs. Vor Beginn des Tanzes wird Tee mit Kuchen gereicht, während des Balles Weingelee, Creme, Tutti-Frutti-Auflauf. Vor dem Essen Bouillon in Tassen mit Sardellenbrötchen oder Eierweiß.« Neben dem Hinweis, dass die in diesem Monat vom Handel angebotenen Artischocken, Fasane, Hummer und Langusten besonders gut seien, vergisst die Autorin auch nicht, der bürgerlichen Hausfrau mit einem kleineren Haushaltsetat raffinierte Tipps zu geben. Durch die verstärkte Einfuhr exotischer, bis vor wenigen Jahren kaum bekannter Früchte aus den Kolonien kommen auch auf den Tisch der Mittelschichten ganz neue Genüsse, z. B. geschälte Bananen in Teebutter oder Olivenöl gebräunt als Nachspeise. Der Bananenimport stieg von 6407 dz im Jahr 1907 auf 304 386 dz 1911. Ansonsten gilt in den meisten bürgerlichen Haushalten der Grundsatz, dass am Essen gespart werden kann. Auf dem täglichen Familientisch sucht man Delikatessen vergebens, mindestens einmal in der Woche gibt es Eintopf, statt Butter billigeres Schmalz.

Auch der Arbeiter in der Fabrik, dem Frau oder Tochter jeden Tag das »Mittagbrot« in einem sog. Henkelmann zur Pause bringen, hat an modernen Gaumenfreuden keinen Anteil. Die hauptsächliche Nahrung der unteren Schichten besteht aus Kartoffeln, Hering, Schweinefleisch, Kohl, Hülsenfrüchten, Innereien, Brot, Sirup, Zichorienkaffee, Magerkäse, Margarine und Schmalz. Im Laufe des Jahres kommt es bei all diesen Grundnahrungsmitteln zu Preissteigerungen; hohe Fleischpreise führen im Herbst zu sozialen Unruhen. Um die Ausgaben für Nahrungsmittel nicht zu hoch werden zu lassen, kaufen die Arbeiterfrauen auch sog. Ersatzlebensmittel, z. B. Kunsthonig, und billige Angebote der Händler. Darunter befinden sich häufig minderwertige und gesundheitsschädliche Produkte. Die Gesundheitsbehörden versuchen, durch Aufklärung und strengere hygienische Auflagen und gesetzliche Bestimmungen Abhilfe zu schaffen. So erlässt die Berliner Polizei eine Verordnung für den »Verkehr mit Kuhmilch«. Darin wird u. a. untersagt, Milch anzubieten, die übelriechend, faulig, verfärbt oder bitter ist.

Chroniknet