Funktionale Tendenzen prägen nicht nur die Industriebauten

Funktionale Tendenzen prägen nicht nur die Industriebauten
Fassade der ehem. Dt. Botschaft in St. Petersburg. By DmitriyGuryanov (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Architektur 1912:

Seit etwa zehn Jahren deutet sich in Europa eine Tendenz zu neuen geradlinigen Formen an – eine Überwindung des Historismus und des geschwungenen Jugendstil-Dekors. Die zunächst bei Inneneinrichtungen sowie an Fassaden sichtbaren Veränderungen zeigen sich nun auch in der Architektur. Klare Strukturen prägen die Bauformen, Grundrisse werden funktional durchgearbeitet.

Die neuen architektonischen Konzepte stehen in enger Verbindung zu den Prinzipien des 1907 gegründeten Werkbundes. Dessen Anliegen ist die »Förderung des fruchtbaren Zusammenwirkens von Kunst, Industrie und Handwerk zur Steigerung der Güte ihrer Arbeit«. Zu den richtungweisenden Architekten in Berlin, das sich zu einem Zentrum neuer Kunstformen entwickelt, gehören Peter Behrens, August Endell, Hermann Muthesius und Bruno Paul. Muthesius wird vor allem durch die Entwürfe seiner Landhäuser im englischen Stil bekannt. Endell plant z. B. die Bauten der Trabrennbahn Mariendorf, die 1912 fertiggestellt werden.

Bedeutendster Architekt dieser Jahre ist Peter Behrens, bis 1911 künstlerischer Beirat und Firmenarchitekt der AEG. Seine Fabrikbauten, hauptsächlich die der AEG in Berlin, aber z. B. auch das Verwaltungsgebäude der Mannesmann AG in Düsseldorf 1912, sind international anerkannte Beispiele einer neuen Industriearchitektur. Diese neuen Gebäude, »Monumente der Moderne«, begeistern junge Architekten wie Walter Gropius. Für ihn sind sie »die stärksten und reinsten Zeugen eines neuen europäischen Zeitgedankens«, denn hier seien mit »den einfachen Mitteln elementarer Tektonik Baugebilde von wahrhaft klassischer Gebärde« entstanden. Über das Bestreben, eine Einheit von Kunst und Industrie zu schaffen, sagt der »Nutzkünstler« Behrens in einem Vortrag zum Thema »Ästhetik und Industriebau« auf der Hauptversammlung Deutscher Ingenieure u. a.: Kunst entstehe nicht aus Zweckmäßigkeit. Gewiss sei es falsch, kühne Eisenkonstruktionen wie z. B. Brücken durch Steinanbauten zu Ritterburgen zu machen, falsch sei

es aber auch, die Unterordnung der Konstruktion unter die künstlerische Zweckmäßigkeit zu leugnen. Heutige Aufgabe sei es, der Technik selbst zu künstlerischer Qualität zu verhelfen. Im Gegensatz zur modernen funktionalen Architektur steht allerdings die Vorliebe des Kaisers und auch vieler Bauherren zum Historismus, dokumentiert u. a. in den zahlreichen Bauten des Berliner Stadtbaumeisters Ludwig Hoffmann oder auch in den Entwürfen zur königlichen Hofoper. So überrascht es nicht, dass Wilhelm II. die von Peter Behrens geplante Kaiserliche Botschaft in Petersburg (Leningrad) als ein »Bauscheusal« beschimpft. Die Projektleitung des 1912 fertiggestellten Gebäudes hat Ludwig Mies van der Rohe inne.

Pläne für die königliche Hofoper – Paradebeispiele des Historismus

Unbeeinflusst von jeglichen Bestrebungen moderner Architektur zeigen sich die Entwürfe für den Bau eines neuen königlichen Opernhauses in Berlin, das gegenüber dem Reichstag errichtet werden soll. Die Vorschläge, Ergebnisse eines Wettbewerbes, sind ein Beispiel für den am kaiserlichen Hof herrschenden Geschmack, der gekennzeichnet ist von einem maßlosen Umgang mit historisierenden Formen, der zum Bau von detailüberladenen prunkvollen Repräsentationsbauten führt.