Gehorsame Untertanen als wichtigstes Erziehungsziel

Bildung 1912:

In den Diskussionen um Veränderungen im Bildungswesen des Deutschen Reichs spielt neben Themen wie Hochschulreform, bessere Bildungschancen für Mädchen und Aufhebung der Geschlechtertrennung an Schulen auch die Umgestaltung der Volksschule eine große Rolle.

Nach der Definition eines zeitgenössischen Lexikons ist sie eine »öffentliche Schule, welche ihren Zöglingen im Alter der allgemeinen Schulpflicht (meist 6. – 14. Lebensjahr) diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten beibringt, deren alle Stände eines gesitteten Volkes mindestens bedürfen«. Die »Armeleutschule« – wie sie Clara Zetkin bezeichnet – soll nach dem Willen des ehemaligen Reichskanzlers Bernhard von Bülow die Kinder so erziehen, »daß unter den deutschen Arbeitern wieder die vier Grundpfeiler aufgerichtet werden, die ihre glückliche Zukunft sichern: Fleiß, Gottesfurcht, Nüchternheit und Zufriedenheit«. Zentrales Unterrichtsfach ist nach wie vor Religion, es folgen Deutsch und Geschichte. Das Niveau des vermittelten Wissens ist äußerst niedrig, was zum einen an der schlechten Volksschullehrerausbildung liegt, zum anderen an den äußeren Unterrichtsbedingungen. Zu wenige Lehrer, Mangel an Lehrmitteln und überfüllte Klassen sind an der Tagesordnung. In Preußen gibt es allein 700 Klassen mit mehr als 120 Schülern – teilweise sind sie sogar mit über 200 Kindern besetzt.

Für etwa 95% aller Schüler in Preußen ist die Volksschule die einzige Bildungsmöglichkeit. Die zunehmende Industrialisierung und die technische Weiterentwicklung erzwingen jedoch immer mehr Kenntnisse, die eine solche Schule nicht vermitteln kann. So fordern zunehmend nicht nur die Sozialdemokraten, sondern auch die liberalen bürgerlichen Parteien Veränderungen. Angestrebt wird eine Angleichung der Volksschule an die sog. Vorschule – eine Einrichtung, die von Kindern aus höheren Gesellschaftsschichten bis zu den weiterbildenden Schulen wie Gymnasium und Realschule besucht wird. Die bislang durchgeführten Reformen, z. B. in Sachsen, bleiben jedoch halbherzig und zeigen deshalb kaum Erfolge. Die liberale »Frankfurter Zeitung« schreibt dazu: »An dieser Volksschulreform ist alles kleingeistig, engherzig, subaltern … Die Schule bleibt die Magd der Kirche, der Lehrer vor allem noch der Knecht des Herrn. Einen strammen Religionsunterricht hält man für den Inbegriff der Pädagogik …« Ein Versuch, das Defizit an Wissen zumindest bei den Schulabgängern auszugleichen, wird in den Fortbildungsschulen unternommen, die den späteren Berufsschulen in etwa vergleichbar sind. Industriebetriebe gehen dazu über, eigene Werkschulen für ihre Fabriklehrlinge einzurichten. Die Berliner Behörden verabschieden 1912 ein Gesetz, nach dem ab dem 1. April 1913 auch die Mädchen zum Besuch von Fortbildungslehrgängen verpflichtet werden.

Für Mädchen sind die Auswirkungen des Bildungsnotstandes besonders gravierend. So gibt es z. B. viel zu wenig Möglichkeiten für die Erlangung der Hochschulreife. Von den 57 415 im Wintersemester 1911/12 immatrikulierten Studenten an den 21 deutschen Universitäten sind nur 2795 Frauen, das ist ein Anteil von 4,9%. Ein wesentliches Ziel ihrer Arbeit sehen deshalb die Frauenverbände in einem verbesserten Schulsystem für Mädchen. 1912 setzen sie die Einrichtung des Lyzeums in Preußen durch, eine Grundlage für die Abitur-Aufbaustufe.

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