Geschwächtes Osmanisches Reich unterliegt dem Balkanbund

Politik und Gesellschaft 1912:

Es bewährt sich 1912 noch das Gleichgewicht der Kräfte als Garant für den Frieden in Mitteleuropa, trotz der durch den Balkankrieg verstärkten Spannungen zwischen den Mächten. Diese Krise stellt die Festigkeit der Bündnissysteme auf eine harte Probe, denn auf dem Balkan prallen die Interessen der beiden Kaiserreiche Österreich-Ungarn und Russland aufeinander. In Wien fürchtet man den Expansionsdrang der jungen Nationalstaaten in Südosteuropa, der die Stabilität des Vielvölkerstaats gefährdet: Innerhalb der Donaumonarchie brodelt es, Serben, Kroaten und Angehörige anderer Nationen dringen auf Unabhängigkeit. Das russische Zarenreich seinerseits versucht, seine Macht in der Balkanregion zu verstärken, um sich den Einfluss auf die Dardanellen zu sichern, denn nur über diese Meerenge hat Russland Zugang zum Mittelmeer. Petersburg unterstützt deshalb die Balkanländer und initiiert deren Zusammenschluss im Balkanbund. In ihm vereinigen sich die Monarchen Montenegros, Serbiens, Bulgariens und Griechenlands zum Angriff auf das Osmanische Reich im Oktober.

Geschwächt vom Italienisch-Türkischen Krieg, der im Oktober mit der Preisgabe der nordafrikanischen Besitzungen in Libyen endet, und entkräftet vom Versagen der jungtürkischen Regierung, kann »der kranke Mann am Bosporus« den Armeen des Balkanbundes nur wenig Widerstand entgegenstellen. – Diese Situation bedeutet auch eine Bedrohung für Österreich-Ungarn: Das erstarkte Serbien, das bereits während der bosnischen Annexionskrise 1908/09 gegen Wien gerüstet hat, fordert einen eigenen Adriahafen. Der sich hier anbahnende Konflikt ruft die übrigen europäischen Mächte auf den Plan: Denn sollte Wien in den Balkankrieg eingreifen, stünde Russland auf der Seite des Balkanbundes. Ein Kampf zwischen Österreich-Ungarn und Russland würde unweigerlich die jeweiligen Bündnispartner in die Auseinandersetzungen einbeziehen: das Deutsche Reich für Österreich-Ungarn sowie Frankreich und Großbritannien für Russland. In dieser Situation beruft Kaiser Wilhelm II. am 8. Dezember den »Kriegsrat« ein. Seine Befürwortung der »balance of power« findet ihren Niederschlag auf der Botschafterkonferenz in London, die eine vorläufige Lösung u. a. der Balkankrise herbeiführt. Eines der Verhandlungsergebnisse ist die territoriale Fixierung des im November gegründeten Staates Albanien, wodurch Serbien in seine Grenzen verwiesen wird.