Gewerkschaften in Berlin erklären ästhetische Erziehung des Proletariats zu ihrem Programm

Wohnen und Design 1912:

Aufgrund einer Initiative der 1910 gebildeten »Kommission für vorbildliche Arbeiterwohnungen« veranstaltet das Berliner Gewerkschaftshaus 1912 eine Ausstellung für Arbeitermöbel. Sie sind Ergebnisse eines Wettbewerbs, an dem auch der Industriedesigner und Architekt Peter Behrens beteiligt war. Sein Programm entstand in Zusammenarbeit mit der Kommission, zu deren Mitgliedern Gewerkschafter und u. a. der Vorsitzende des Vereins der Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse gehören. Auf der Basis praktischer Bedürfnisse einer Arbeiterfamilie bemühen sie sich um eine ästhetische Erziehung der Arbeiter: Weg vom historisierenden Prunk, hin zur schlichten, geradlinigen, zweckgebundenen Form. Die angebotenen Wohnungseinrichtungen stoßen bei der Zielgruppe allerdings auf wenig Interesse. Für einen Großteil der Proletarierfamilien sind auch die »Billigmöbel« noch zu teuer, und jene, die sie sich leisten könnten, empfinden die Schlichtheit als ärmlich. Zudem entsprechen die Entwürfe häufig nicht den praktischen Anforderungen. So sind z. B. die Wohnzimmersofas meist aus gestalterischen Gründen zum Schlafen zu schmal oder zu kurz.

Chroniknet