»Langsam wird es Sitte, ein Privatautomobil zu halten«

Auto und Verkehr 1912:

Das bisher vorherrschende Image des Automobils als Luxusgegenstand und Sportauto verändert sich zugunsten seines Gebrauchswertes. Zwei Tendenzen sind dafür bestimmend: Zum einen seine Verwendung als Nutzfahrzeug durch Klein- und Handelsunternehmen, zum anderen die Entwicklung von preisgünstigen Kleinautos.

Immer mehr Geschäftsleute und Handwerker lernen die Vorteile von Lastwagen schätzen, mit denen Transporte schnell (die zulässige Höchstgeschwindigkeit in den meisten deutschen Städten beträgt 15 km/h) und unabhängig erledigt werden können. Steigend sind auch die Zahlen der Kraftdroschken, die zunehmend die noch verbreiteten Pferdekutschen in den Städten als Personenbeförderungsmittel ablösen.

Zum anderen führt die verstärkte Produktion von preiswerteren Kleinautos dazu, dass sich allgemein mehr Leute ein Auto leisten können. Wie die »Vossische Zeitung« schreibt, »scheint jetzt die Zeit gekommen, wo es auch im wohlhabenderen Mittelstand Sitte wird, ein Privatautomobil zu halten«. Führend auf diesem Markt sind die US-amerikanischen Produzenten, die durch die Entwicklung moderner Fertigungstechniken in der Lage sind, mehr billige Autos herzustellen. Maßgeblichen Anteil daran hat Henry Ford, der für die Produktion seines bereits 1907 entwickelten T-Modells (»Tin Lizzy«, ein 2,9-Liter-Vierzylinder mit 20 PS Leistung) in diesem Jahr das Fließbandsystem einführt und damit die Massenproduktion des Automobils ermöglicht.

Von den deutschen Herstellern ist es vor allem das Opel-Werk im rheinländischen Rüsselsheim, das mit seinem »Volksautomobil« (5/12 PS) die Nachfrage nach Kleinautos befriedigt. Der etwa 4000 Mark teure Wagen ist eng verwandt mit den anderen Opel-Mittelklasse-Modellen von 1912 (10/24 und 13/30 PS). Gemeinsam sind den Autos Rahmen aus U-förmig gepressten Stahlträgern, die geschmiedete Vorderachse aus Nickelstahl, Reihenmotoren mit vier im Block gegossenen Zylindern, Kulissenschaltung und Kardanantrieb zu den Hinterrädern. (Von der doppelten PS-Zahl bezeichnet die erste die sog. Steuer-PS. Ein Steuer-PS entspricht dem Wert, der sich aus der Zylinderzahl x 0,3 x Zylinderbohrung [cm] im Quadrat x Kolbenhub errechnet.) Von den verschiedenen technischen Neuerungen, die von den Automobilherstellern auf den internationalen Ausstellungen in New York, London und Paris präsentiert werden, ist der von den US-amerikanischen Cadillac-Werken als Ersatz für die Andrehkurbel entwickelte elektrische Anlasser die bemerkenswerteste.

Chroniknet