Der verstärkte Kampf um die Lohn- und Arbeitsbedingungen

Arbeit und Soziales 1913:

Neben dem Anstieg der Arbeitslosigkeit, der Gründung eines zentralen Unternehmerverbandes und der Ausgestaltung des Tarifwesens als sozialpolitisch bedeutende Entwicklungen bildet die wirtschaftliche Situation der Bergarbeiter ein ständiges Thema in den Tageszeitungen des Jahres 1913.

Die Arbeitslosigkeit im Deutschen Reich steigt 1913 gegenüber dem Vorjahr erheblich an. Kamen 1912 auf 100 offene Stellen 157 männliche und 98 weibliche Arbeitssuchende, so erhöhen sich diese Zahlen 1913 auf 181 bzw. 105 Arbeitssuchende. Besonders im Metallbereich, in der Holz- und Papierindustrie, im Baugewerbe sowie im Handel übersteigt die Nachfrage nach Arbeitsplätzen bei Weitem das Angebot. Das Fehlen einer reichseinheitlichen Arbeitslosenversicherung führt zu großer sozialer Not unter den Arbeitslosen im Deutschen Reich.

Parallel dazu verstärken die Unternehmer ihre politische Position durch die Gründung eines zentralen Verbandes am 5. April, der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände. Ihr Hauptinteresse sieht die sich als Kampfverband gegen die Gewerkschaften verstehende Organisation in Abwehrmaßnahmen gegen Streiks und andere gewerkschaftliche Aktionen, etwa durch den Abschluss von Streikversicherungen oder Generalaussperrung beim Bestreiken von Einzelbetrieben. Weiterhin richtet die 145 000 Unternehmen mit 4,6 Millionen Beschäftigten umfassende Vereinigung Arbeitsnachweisstellen ein, die ihre Vermittlung auf unternehmensfreundliche Arbeiter beschränken, und führt »schwarze Listen«, auf denen gewerkschaftlich und politisch aktive Arbeiter festgehalten werden.

Im Bergbau begann diese Konfrontation auf Verbandsebene bereits 1889 mit der Gründung einer Bergarbeitergewerkschaft. 24 Jahre später – 1913 – haben sich die Arbeitsbedingungen im mit 1 196 786 Arbeitern (zusammen mit Hütten- und Salinenwesen) beschäftigungsintensivsten Industriezweig kaum verbessert, wie die Unfallstatistik 1913 beweist. Die Knappschaftskasse zählt im Deutschen Reich 133 710 Unfallanzeigen; dabei kommen 2125 Bergarbeiter ums Leben. Für 13 725 Familien werden 1913 erstmals Entschädigungen gezahlt. Trotz der vereinzelt eingeführten Schüttelrutschen und Transportbänder verlangt Bergarbeit 1913 noch immer enorme physische Anstrengungen, wobei extrem staubige Luft und Feuchtigkeit die Arbeit in den Gruben der Bergbaugebiete erschweren.

Die steigende Nachfrage nach Arbeitskräften infolge des Energiebedarfs und der Rüstungspolitik, die relativ hohen Löhne sowie die gewerkschaftliche Niederlage beim Streik von 230 000 Ruhrbergbauarbeitern im März 1913 führen zu einem Sinken des gewerkschaftlichen Organisierungsgrades (1913: 31,3% gegenüber 1910: 41%). Trotzdem erhält sich ein ausgeprägtes berufliches Standesbewusstsein. Das Vertrauen der Bergarbeiter auf die Unterstützung durch Bergbehörden oder andere staatliche Stellen nimmt in dem Maße ab, wie Polizei und Militär Unternehmerinteressen decken. Im schlesischen Bergbaugebiet, das im Vergleich zum Ruhrgebiet von relativ niedrigen Löhnen und verbreiteter Kinderarbeit (etwa 5% der Beschäftigten) gekennzeichnet ist, kommt es denn auch vom 19. April bis zum 11. Mai 1913 zu neuen Streikbewegungen. Die Auseinandersetzungen zwischen Unternehmern und Arbeitern über Lohn- und Arbeitsbedingungen werden zunehmend durch das Tarifvertragssystem bestimmt. 1913 gelten etwa 11 000 Tarifverträge für 1,4 Millionen Beschäftigte (gegenüber 5000 Tarifverträgen mit 975 000 Beschäftigten im Jahr 1907). Die meisten tarifvertraglichen Regelungen finden sich in kleinen, handwerksähnlichen Betrieben. Die Großindustrie, vor allem die Schwerindustrie, hält sich dagegen bis zum Weltkrieg vom Tarifvertragssystem fern.