Pädagogen erproben alternative Wege schulischer Bildung

Bildung 1913:

Nachdem zur Zeit der Jahrhundertwende die Reform der Lehrpläne zu einer Verwissenschaftlichung des Unterrichts führte und gleichzeitig durch die Arbeiterkulturbewegung eigenständige Bildungsmöglichkeiten geschaffen wurden, experimentieren Pädagogen in den Jahren vor dem Weltkrieg verstärkt mit schulreformerischen Ansätzen.

Pädagogen wie Hermann Lietz, Paul Geheeb und Gustav Wyneken vertreten die Idee von Landschulheimen und Freien Schulgemeinden. Sie streben seit der Gründung des ersten Landerziehungsheimes 1898 in Ilsenburg am Harz eine integrierte praktische und theoretische Erziehung vorzugsweise in ländlichen Gebieten abseits großstädtischen Lebens an. Als sich nach 1906 die bisherigen Mitarbeiter von Hermann Lietz, Wyneken und Geheeb, von ihm trennten, gründeten sie die Freie Schulgemeinde Wickersdorf bei Saalfeld. Nach einem Streit mit Wyneken – der eine eigenständige Jugendkultur im Sinne der deutschen Jugendbewegung anstrebt – baute Geheeb nach 1910 die erste Odenwaldschule in Oberhambach bei Heppenheim an der Bergstraße auf.

Symptomatisch für die Entwicklung im Erziehungswesen ist auch der Umstand, dass 1913 ein Werk der italienischen Pädagogin Maria Montessori – »Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter« – auf Deutsch erscheint (Originalausgabe 1909). In der von ihr 1908 gegründeten Schule versucht sie, die nach ihrer Ansicht in jedem Kind vorhandenen Kräfte zur Selbsterziehung zu wecken und zu fördern. Die Idee der Montessori-Schulen nimmt in den folgenden Jahrzehnten in Europa und den USA einen erheblichen Aufschwung.

Neue Wege der Bildung beschreiten zudem die – meist sozialdemokratisch orientierten – Arbeiterkulturvereine. Neben dem 1908 gegründeten Arbeitersängerbund (über 100 000 Mitglieder) zeigen 1913 vor allem Vereine, wie der Arbeiterabstinentenbund (seit 1903), der Zentralverband proletarischer Freidenker (seit 1908; über 6000 Mitglieder) und der Arbeiteresperantobund (dessen Zeitschrift »Arbeiter-Esperantist« erstmals 1911 in Leipzig erschien), dass innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung eigenständige Bildungsanstrengungen unternommen werden.

Im konventionellen Schulunterricht setzt sich grundsätzlich der Gedanke einer stärker produktionsorientierten Ausbildung durch, bewirkt durch die im Zuge der Industrialisierung veränderten Interessen und Anforderungen von Handwerk, Handel und Industrie. Bezeichnenderweise findet in den Jahren vor dem Weltkrieg – vor allem in Fächern wie Chemie und Physik – eine verstärkte Hinwendung zum experimentellen Arbeiten statt. Deutlich schlägt sich die Industrialisierung auch in der Gründung von Fachschulen nieder, beginnend unter anderem mit Baugewerbeschulen – im Deutschen Reich gibt es seit 1912 25 Baugewerbeschulen mit 6280 Schülern – und Textilfachschulen (von denen 1912 in Preußen sieben höhere und sechs niedere Schulen existieren).