Reisen in Seebäder und Alpen

Urlaub und Freizeit 1913:

Die begüterten Deutschen reisen im Sommer 1913 in die Seebäder und Hochgebirgsorte. Populäre Blätter wie die »Vossische Zeitung« in Berlin berichten regelmäßig aus den bekanntesten Sommerfrischen.

Die Urlaubsorte bemühen sich dabei, ihr Freizeitangebot für die Touristen attraktiv zu gestalten. Im Nordseebad Büsum etwa erregt das sog. Bosseln – ein Wurfspiel mit einer 500 g schweren Hartholzkugel – unter Touristen und Einheimischen großes Aufsehen. Swinemünde an der Ostsee vermeldet die Anlage eines neuen, kommunal verwalteten Familienbades mit steinfreiem Strand und breitem Bootssteg, zwei neuen Tennisplätzen und die Asphaltierung der wichtigsten innerstädtischen Straßen.

Aber auch die Schweizer Alpenurlaubsorte weisen Rekordbesuche auf. Im vereinigten Graubündner Kurort Tarasp-Schuls-Vulpera halten sich im Juli 3294 Sommergäste auf (1912: 2215). Viele Urlauber besuchen in Luzern am Vierwaldstätter See am 19. Juli das traditionelle Seenachtsfest, bei dem der Hafen durch Tausende von Glühbirnen sowie von lampiongeschmückten Booten erleuchtet wird. Von der Beliebtheit der Alpen zeugt 1913 auch der Zuwachs um 2223 auf nunmehr 100 023 Mitglieder im Deutsch-Österreichischen Alpenverein. Mit seinen 318 Schutzhütten bietet er wandernden und bergsteigenden Urlaubern zahlreiche Unterkunftsmöglichkeiten. 1400 erholungsbedürftige Berliner Kinder nehmen die Möglichkeit einer Ferienkolonie in Anspruch. Die meisten von ihnen reisen in pommersche Ostseebäder, einige aber auch nach Alt-Ruppin und in mecklenburgische Sommerfrischen.

Vor dem Weltkrieg ist vor allem für Arbeiter die heute verbreitete Vorstellung von Freizeit noch weitgehend unbekannt. Im Sommer 1913 beträgt die durchschnittliche tägliche Arbeitszeit bei 42,6% der Tarifgemeinschaften in den verschiedenen Wirtschaftszweigen neuneinhalb bis zehn Stunden (ausschließlich Pausen). Die Freizeitgestaltung beschränkt sich zumeist auf den arbeitsfreien Sonntag. Bei Arbeitern geht es daher vorrangig nicht um die qualitative Gestaltung von Freizeit, sondern um die Erkämpfung von freier Zeit überhaupt. So sind z. B. die traditionellen Maidemonstrationen neben der Durchsetzung von Lohnerhöhungen von der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung gekennzeichnet.

Nach einer 1912 erschienenen Untersuchung von Adolf Levenstein über das Freizeitverhalten von Berg-, Textil- und Metallarbeitern steht für den Fall wachsender Freizeit der Wunsch nach Lesen, Malen und künstlerischer Betätigung sowie das allgemeine Interesse an Weiterbildung an erster Stelle.