Kritik am Schematismus in den Universitäten und Schulen

Bildung 1914:

Nachlassender Studentenandrang und Kritik an den Lehrplänen bringen die deutschen Hochschulen in den Brennpunkt öffentlicher Diskussionen im Bildungswesen. Im Bereich der Kindererziehung findet die Pädagogik der italienischen Ärztin Maria Montessori starke Beachtung.

Im Wintersemester 1913/14 beträgt der Zuwachs an Studenten gegenüber dem Vergleichssemester im Vorjahr lediglich noch 680. Bei Berücksichtigung der inzwischen verlängerten Studiendauer vieler Studenten gibt es nach Schätzungen von Experten sogar erstmals seit 20 Jahren wieder einen Rückgang der Immatrikulationen.

Auch zwischen den einzelnen Studienfächern entstehen gravierende Verschiebungen. Während die Zahl der Medizinstudenten nach wie vor stark ansteigt (Anteil an der Gesamtzahl 1914: 25,3%; 1909: 17,6%), sinkt erstmals seit 15 Jahren die Zahl der Naturwissenschaftler und Mathematiker. Die philologischen Lehramtsstudiengänge verzeichnen ebenfalls rückläufige Belegungen.

Gleichzeitig wird Kritik an der Gestaltung der Vorlesungen und Seminare laut. So äußert sich ein Kommentator der bürgerlich-liberalen »Vossischen Zeitung« zu den Vorlesungsverzeichnissen deutscher Universitäten im Sommer 1914 u. a. wie folgt: »Vor allem fällt es auf, wie gleichförmig und schematisch der wissenschaftliche Unterricht an unseren vornehmsten Bildungsstätten gestaltet ist. Unsere Zeit scheint dem Individualismus und den Individualitäten auf allen Gebieten wenig günstig … [Die] Tendenz zur Uniformierung scheint den Wissenschaftsbetrieb und das Bildungswesen an unseren Hochschulen zu beherrschen: offenbar zum großen Teil eine Wirkung des herrschenden Militarismus (und Bureaukratismus) … Die allgemeinen Bildungsbedürfnisse der Studierenden und die geistigen Interessen unserer Zeit [werden dabei] viel zu wenig berücksichtigt.«

Ähnliche Kritik wird auch angesichts der Situation an deutschen Schulen laut; insbesondere wird der »Schematismus des Unterrichts« und das Spezialistentum in der Lehrerschaft angegriffen. Da das bestehende Schulsystem zunehmend als unzulänglich gilt, werden alternative Erziehungsmethoden immer populärer. So erlebt die aus Italien stammende Idee der sog. Montessori-Schulen vor dem Weltkrieg einen großen Aufschwung. Sie basiert auf dem Programm der Pädagogin und Ärztin Maria Montessori, die mit ihrem Erziehungsprogramm von der »Selbsttätigkeit« des Kindes ausgeht. In ihrem Konzept erlaubt sie jedem Kind sein eigenes Lerntempo und will durch entsprechende didaktische Vorbereitungen das Kind zu Konzentration und individueller Selbstentfaltung anregen. Sie hat ihre Methode bereits unter Kindern einer Arbeitersiedlung in Rom erprobt. Nachdem 1909 ihr Buch »Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter« erstmals erschienen ist (deutsche Ausgabe 1913), wirbt Maria Montessori seit 1912 auf internationalen Vortragsreisen für ihre Ideen.

Die Einweihung des ersten deutschen Arbeiterjugendheimes in Steglitz (heute zu Berlin) am 8. Februar dokumentiert die Ablehnung des bürgerlichen Bildungssystems durch die sozialdemokratische Arbeiterbewegung. Die ihr verbundenen zahlreichen Vereine verknüpfen seit ihrer Gründung – erstmals um 1844, dann wieder ab 1860 – ihre politische Tätigkeit mit Bildungsaktivitäten, die seit 1890 in der sog. Arbeiterkulturbewegung münden. Verbände wie der Arbeiteresperantobund zeigen dabei, dass innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung eigenständige Wege der Bildung beschritten werden. Seit 1910 arbeitet der deutsche Politiker Wilhelm Pieck – er übernimmt u. a. auch die Einweihung des Steglitzer Arbeiterjugendheims – in Berlin offiziell als Bildungssekretär der deutschen Sozialdemokratie.

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