Blockade diktiert Speiseplan

Ernährung, Essen und Trinken 1915:

Bereits im ersten Kriegswinter beginnen die Nahrungsmittel im Deutschen Reich knapp und teuer zu werden. Der Ausfall der Importe aufgrund der britischen Blockade und der Rückgang der Agrarproduktion führen dazu, dass es weiten Teilen der Bevölkerung immer schwerer fällt, sich ausreichend zu ernähren. Während offizielle Stellen versuchen, aus der Not eine Tugend zu machen und die gesundheitlichen Vorteile von Beschränkungen beim Essen und Trinken propagieren, werden bereits Anzeichen für eine weit verbreitete Unterernährung registriert.

Vor dem Krieg wurden 26% des Eiweißgehalts, 42% des Fettgehalts, 8% der Kohlenhydrate und 20% des gesamten Kalorienverbrauchs im Deutschen Reich durch importierte Lebensmittel abgedeckt. Um den Ausfall des größten Teils dieser Importe zu kompensieren, wird vor allem eine Vereinfachung der Ernährungsweise propagiert. Frauenorganisationen veranstalten entsprechende Kochkurse und geben sog. Kriegskochbücher heraus, in staatlichen Kampagnen wird zu Sparsamkeit aufgefordert.

Angestrebt wird die optimale Ausnutzung des Nährwertes der vorhandenen Nahrungsmittel. Die umfangreichen Schweineabschlachtungen z. B. sollen gewährleisten, dass weder Getreide noch Kartoffeln verfüttert werden. Die Aufforderung, weniger Fleisch zu essen, steht an der Spitze aller Sparappelle; ab November wird der Verkauf von Fleisch an zwei Tagen in der Woche verboten. Außerdem wird ab April die Malzzuteilung an die Brauereien eingeschränkt, da die Verwendung der dadurch eingesparten Gerste als Brotgetreide wichtiger erscheint. Aus diesem Grund wird auch die Branntweinbrennerei aus Kartoffeln und Getreide drastisch reduziert.

Konsequente zwangswirtschaftliche Maßnahmen werden zunächst nur bei der Getreideversorgung getroffen. Die Rationierung des Brotes (Wochenration pro Kopf 2 kg) soll die gleichmäßige Versorgung der Bevölkerung gewährleisten, der Zusatz von Kartoffelmehl soll zudem zur Streckung der Vorräte beitragen.

Die Nahrungsmittelknappheit wird im Alltag der Bevölkerung vor allem an den steigenden Preisen spürbar. Die ärmeren Bevölkerungsschichten sind daher verstärkt auf Brot und Kartoffeln angewiesen, Fleisch und Butter werden für sie zum unbezahlbaren Luxus. Eine Schwerstarbeiterfamilie muss für ihre wöchentliche Lebensmittelration im Oktober 1915 46% mehr ausgeben als im April 1914. Die im Laufe des Jahres für immer mehr Lebensmittel eingeführten Höchstpreise (u. a. für Kartoffeln, Schweinefleisch, Milch, Obst und Gemüse) können den Preisanstieg nur kurzfristig bremsen und haben die Entstehung eines Schwarzmarktes zur Folge.

Angesichts der steigenden Zahl an Familien, die kaum noch Geld für eine ausreichende Ernährung haben, klingen die offiziellen Aufforderungen zur Mäßigung fast schon zynisch. Es sei, so etwa der Reichstagsabgeordnete Georg Gothein im Februar, »eine allen Ärzten bekannte Tatsache, daß die meisten Menschen mehr essen als ihnen zuträglich ist, daß weit mehr Krankheiten von zu vielem, als von zu wenigem Essen kommen«. Diesen weit verbreiteten verharmlosenden Appellen wird u. a. vom Direktor des Hygienischen Instituts der Universität Berlin in der »Täglichen Rundschau« entgegengehalten, dass bereits vor dem Krieg weitaus häufiger Mangel als Luxus zum Alltag gehört habe und die Mehrheit keinesfalls als überernährt gelten könne: »Bei diesem überwiegend großen Teil der Bevölkerung könnte die … Mahnung, die Ernährung einzuschränken, leicht zu verminderter Leistungsfähigkeit und Unterernährung führen.«