Deutsche Automobilindustrie produziert für Kriegsbedarf

Auto und Verkehr 1915:

Das Militär bemächtigt sich während des Krieges auch des Autos. Die Automobilindustrie arbeitet nahezu ausschließlich für den Bedarf des Heeres. Ein Großteil des vorhandenen Wagenbestandes im Deutschen Reich wird von der Armee beschlagnahmt. Der Aufschwung des Autos als privates Verkehrs- und Transportmittel findet nach Ausbruch des Krieges hingegen vorübergehend ein Ende.

Von den etwa 83 000 vor dem Krieg zugelassenen zivilen Automobilen werden im ersten Kriegsjahr etwa zwei Drittel beschlagnahmt oder durch eine Bundesratsverordnung aus dem Verkehr gezogen. Diese im März in Kraft getretene Verordnung bestimmt, dass wegen der Materialknappheit vor allem bei Gummi und Treibstoff Privatautos nur noch in Ausnahmefällen zum Verkehr zugelassen werden dürfen. Da die Armee im Laufe des Krieges immer mehr die militärische Nutzbarkeit des Autos erkennt, hält der Aufschwung der Automobilindustrie jedoch an (zu den führenden deutschen Marken gehören u. a. Adler, Benz, Opel und Mercedes). Der Einsatz im Krieg, so die Erwartung, sei eine ideale Möglichkeit, um die Qualität der deutschen Autos unter Beweis zu stellen. Die Leipziger »Illustrirte Zeitung« hofft z. B.: »Wenn nach dem Kriege erkennbar sein wird, was Deutschlands Autoindustrie geleistet hat, dann wird sich in der ganzen Welt eine Nachfrage nach dem >made in Germany< erheben, der das Angebot kaum wird genügen können.«

In den Autofabriken werden während des Krieges neben Autos überwiegend Munition, Motoren, Flugzeuge und anderes Kriegsmaterial produziert. Zahlreiche Techniker und Ingenieure wechseln aus der Automobilindustrie in die schnell wachsende Flugzeugproduktion. Die dadurch gewonnenen technischen Erfahrungen sowie die für die Produktionsausweitung notwendigen Investitionen verhelfen auch der Massenfertigung in der Nachkriegszeit zum Durchbruch.

Die große militärische Bedeutung des Autos hatte sich erstmals in der Marneschlacht im September 1914 erwiesen, als die Franzosen mit Hilfe von Personenwagen schnelle Truppenverlegungen vornahmen. In der Folge werden vor allem Lastkraftwagen als Transportmittel für die Material- und Munitionszufuhr in Gegenden mit schlecht ausgebautem Eisenbahnnetz sowie bei der Feldpost und als Lazarettautos verwendet. Im Laufe des ersten Kriegsjahres wird auch damit begonnen, Autos zu panzern und teilweise mit Maschinengewehren auszurüsten – Vorläufer der 1916 erstmals von der Briten an der Westfront eingesetzten Tanks.

Stärker als in Europa gehört das Auto bereits in den USA zum Alltag; es beginnt, vom Luxusgut zum Massenprodukt zu werden. Dazu trägt besonders die rationelle großindustrielle Produktionsweise bei. Von Henry Fords berühmten Modell »T« werde 1915 bereits mehr als 200 000 Stück produziert. Zu den Großen der US-Automobilindustrie gehören des weiteren »General Motors« sowie die 1915 gegründete »Chevrolet Holding Company«. Auch im Detail macht sich der Vorsprung der USA bemerkbar: Im Laufe des Jahres werden hier erstmals Autos mit Scheibenwischern ausgestattet.