Deutsche Mode will Bodenständigkeit statt Pariser Eleganz

Mode 1915:

Die Besinnung auf eine rein deutsche Mode ist das meistdiskutierte Modethema des Jahres. »Zum ersten Mal seit 41 Jahren haben die deutschen Konfektionäre und Schneider ohne Pariser Modelle schaffen müssen«, bemerkt die »Elegante Welt«. Nicht ohne Genugtuung fügt die national gesinnte Zeitschrift für »Neue Frauenkleidung und Frauenkultur« hinzu: »… nur jetzt gibt es ein >Los von Paris< oder nie.«

Importierten Seidenstoffen und Spitzen wird der Kampf angesagt, verteidigt wird hingegen das eigene, handgewebte »Leinen, das so recht geeignet wäre, die unsoliden Seidenstoffe zu verdrängen.« Die Modezeitschrift »Elegante Welt« prophezeit einen »Berliner Modefrühling … der durchaus imposant heranzieht. Und sowohl die Deutsche als auch die Österreicherin … können, angetan mit den neuesten Modedingen bodenständiger Herkunft, den Wettkampf mit dem Ausland in jedem internationalen Wettbewerb getrost aufnehmen.«

Die Modefachleute sind sich über die »politische Mission und Verantwortung« der Kleidung einig. Man beklagt die unzureichende Unterstützung der heimischen Stoffhersteller, Konfektionäre und Schneider. Dies wird einem mangelnden Selbstbewusstsein der deutschen Verbraucherin zugeschrieben, die sich einer »naiven Bewunderung für alles Fremdländische hingibt und allein die Eleganz der Pariser Mode anerkennt«.

Populär wird im Deutschen Reich vor allem die neue Kriegskrinoline, so genannt wegen ihres weiten, von zwei bis drei Unterröcken gestützten Rockes. Die Kriegskrinoline findet großen Anklang, da die weiten und kürzeren Röcke im Gegensatz zu der vorherigen Mode der langen, engen Röcke den Bewegungsanforderungen der Kriegszeit standhalten. Sie entspricht zudem den aufkommenden romantischen Vorstellungen von der guten alten Zeit und wird auch als neue Biedermeiermode bezeichnet.

Im Unterschied zum Biedermeier aber sind die Röcke nun knöchellang, die Taille ist etwas hochliegend und locker, an das Empire erinnernd. Jugendliche Modelle weisen wie im Biedermeier um den Rock zwei bis drei Volantreihen auf. Während für die Kriegskrinoline, entgegen dem allgemeinen Trend zum Sparen, relativ viel Stoff benötigt wird, müssen sich die Frauen bei der Abendgarderobe bescheiden geben. »Das große Abendkleid mit seiner glänzenden Pracht ist vom Programm gestrichen.« Stattdessen gibt es das kleine Abendkleid, das sich auf diskret wirkende, glanzlose Stoffe beschränkt. Allerdings geht es nicht ohne Taft, der den weiten, stehenden Rock wirkungsvoll betont. Er ist in Schwarz oder Blau, Tupfen und Streifen sind beliebte Muster. Das Dekolleté ist dezent rund oder eckig und oftmals rückwärts von einem hochstehenden Kragen umrahmt. Bei hochgeschlossenem Kragen wird der Stuartkragen, ein vorne geteilter Stehkragen, sehr geschätzt.

Die kaum knöchellange Kriegskrinoline verlangt für den Tag Schnürstiefeletten oder Halbschuhe mit Gamaschen, da das Bein keineswegs sichtbar werden darf. Nur abends erlaubt sich die Dame den Pumps. Kleine Modelle dominieren die Hutmode; die Toque mit hohem, faltigem Kopf und eine Art Florentiner Hut sind beliebte Formen. Viele in den nationalen Frauenverbänden organisierte Frauen der vornehmen Gesellschaft tauschen ihre Modellkleider tagsüber gegen schlichte Arbeitsschürzen. Oft wird von den im Krieg sozial engagierten Frauen wieder das Reformkleid als allein zweckmäßig propagiert. Unentbehrliche, weil praktische Kleidungsstücke sind der Regenmantel aus Gummi oder imprägniertem Stoff, der Regenhut sowie Stiefel aus braunem Kalbsleder. Für elegante Gelegenheiten gibt es Gummiüberzüge für den Hut ebenso wie Gummi-Galoschen für die Schuhe. Für Frauen im Wohltätigkeitsdienst werden geräumige Handtaschen angeboten.

Im französischen Deauville, wohin wohlhabende Pariser Familien fliehen, verzeichnet Gabrielle Chanels erste und in den Kriegsjahren einzige geöffnete Boutique mit bequemen hüftlangen Jumpers, Jacken und einfachen Röcken aus Jersey großen Zulauf. Jumper und Jacken haben aufgesetzte Taschen, um die Hände hineinzustecken, was bisher undenkbar gewesen ist. Chanels Mode ist im Deutschen Reich noch nicht bekannt.

Wie man in der Damenmode gegen das französische Vorbild wettert, prangert man in der Herrenmode die Anglomanie an. Die Neuschaffung ziviler Herrenkleidung ist jedoch schon deshalb kein großes Thema, da die Uniform auch bei den wenigen gesellschaftlichen Anlässen dominiert. Bei der zivilen Mode werden die alten Kleidungsvorschriften beibehalten und damit die repräsentativen Anzugsformen, wie Gehrock, Frack und Cut, aufgetragen. Der Sakkoanzug ist farblich sehr dezent und ohne Muster gehalten. Der Rock sitzt locker und hat ein langgezogenes, vielfach bis zur Taille reichendes Revers, so dass die hochgeknöpfte Weste sichtbar wird. Die Hosenbeine verjüngen sich nach unten und haben hohe Stulpen, so dass sie nur knöchellang sind. Umgangssprachlich spricht man von Hochwasserhosen.