Krieg führt zu Kritik an einseitig intellektueller Bildung

Bildung 1915:

Der Lehrbetrieb an den Schulen und Universitäten des Deutschen Reiches wird durch den Krieg erheblich beeinträchtigt. Viele Lehrer und Dozenten stehen ebenso im Kriegsdienst wie die große Mehrheit der Studenten. Da sich auch zahlreiche Primaner bereits als Kriegsfreiwillige melden, stellt sich das Problem, ob und unter welchen Bedingungen diesen ermöglicht werden soll, vorzeitig das Reifezeugnis zu erlangen. Im Zusammenhang mit der Frage, ob Reife vorrangig vom Umfang des erworbenen Wissens abhängig ist, kommt es zu einer Diskussion über das vorherrschende Bildungsideal.

Bei Beginn des neuen Schuljahres sind im Deutschen Reich insgesamt 54 518 Lehrer zum Kriegsdienst eingezogen, das entspricht einem Anteil von 34,4% an der gesamten Lehrerschaft. Der Unterrichtsausfall darf nach einem Erlass des preußischen Kultusministeriums wöchentlich bis zu zwölf Stunden pro Klasse betragen; um den Unterricht ohne derart große Einschränkungen aufrechterhalten zu können, übernehmen zahlreiche verbliebene Lehrer zusätzliche Stunden. Daneben werden verstärkt weibliche Lehrkräfte eingesetzt, auch an den sog. höheren Knabenschulen, an denen Frauen bisher nicht unterrichten durften.

An den 22 deutschen Universitäten sind im Sommersemester insgesamt 53 337 Studenten eingeschrieben; etwa 80% der männlichen Studenten stehen jedoch im Kriegsdienst. Die Zahl der tatsächlich anwesenden und studierenden Männer geht daher im Sommersemester weiter auf etwa 12 500 zurück (Wintersemester 1914/15: 18 900 ). Die Zahl der studierenden Frauen steigt gegenüber dem Wintersemester von 3700 auf 4300 an.

Unter den eingeschriebenen Studenten stellen die Mediziner mit 13 900 die größte Gruppe. Es folgen Philosophen, Philologen und Historiker (12 800), Juristen (8500) und Mathematiker sowie Naturwissenschaftler (7200). Die großen Universitätsstädte sind Berlin (8013 eingeschriebene Studenten), München (5748), Bonn (4417), Leipzig (4388), Breslau (2707), Göttingen (2376) und Münster (2326).

Zahlreiche Primaner melden sich noch vor Ablegung der Reifeprüfung freiwillig zum Kriegsdienst. In den ersten Kriegsmonaten erhielten viele von diesen ohne Prüfung das Reifezeugnis. Diese Praxis wird im Frühjahr durch die Einführung sog. Notreifeprüfungen abgeschafft. Dadurch soll Schülern, die als Kriegsfreiwillige angenommen worden sind, die Möglichkeit geboten werden, vorzeitig das Reifezeugnis zu erwerben; auch bereits im Felde stehende Soldaten, die ohne Prüfung von der Schule abgegangen sind, können an diesen Notreifeprüfungen teilnehmen.

Bereits im Oktober werden die Notreifeprüfungen jedoch auf Beschluss des preußischen Kultusministeriums wieder eingestellt. Wissenschaftler wie Professor Paul Hildebrandt kritisieren, dass bei einer verkürzten Schulzeit nicht der für ein erfolgreiches Studium erforderliche Stoff vermittelt werden könne und daher das Niveau der Universitäten auf das der höheren Schule herabgedrückt werde. Dies sei besonders bedenklich, da während des Krieges voraussichtlich die große Mehrheit der jeweiligen Jahrgänge von der Möglichkeit einer vorgezogenen Prüfung Gebrauch machen würde. Hildebrandt schlägt stattdessen vor, Sonderklassen für aus dem Felde Heimkehrende einzurichten, in denen diese die Reifeprüfung nachholen können.

Bedenken gegen die Notreifeprüfungen hat auch das preußische Kriegsministerium. In einem Brief an das Kultusministerium vom Juni heißt es, dass »eine große Zahl junger Leute ins Heer gekommen [sei], die weder körperlich noch sittlich reif für die Anforderungen eines Feldzuges« seien. Zudem berge »der große Verbrauch des gebildeten Teils der männlichen Jugend im Kriege die Gefahr eines Rückgangs der geistigen Betätigung des deutschen Volkes auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens in sich«. Das Kriegsministerium spricht sich daher dagegen aus, Primaner durch schulische Vergünstigungen zu bewegen, sich frühzeitig zum Kriegsdienst zu melden.

Die mit dem Krieg verbundenen Anforderungen führen zu wachsender Kritik an dem vorherrschenden einseitig intellekt-orientierten Bildungsideal. Pädagogen betonen, »daß neben der Bildung des Verstandes die des Willens Zeit und Raum« beanspruchen müsse. Propagiert wird daher vor allem eine Veränderung des Verhältnisses von körperlicher und geistiger Ausbildung. So wendet sich ein Beitrag der »Vossischen Zeitung« dagegen, die auch nach dem Krieg für erforderlich gehaltene militärische Jugendausbildung auf Kosten des Turnunterrichts beizubehalten. Angestrebt werden müsse ein Verhältnis von vier Stunden wissenschaftlichem Unterricht und zwei Stunden körperlichen Übungen pro Tag. Es gelte, »alles was in diesem Volke an Anlagen heute nur schlummert oder verkümmert, zur vollen Entfaltung zu bringen, nach Leib und Seele«.