Vorrang für militärische Interessen auf Straße und Schiene

Vorrang für militärische Interessen auf Straße und Schiene
Kreuzer Königsberg zerschossen. Bundesarchiv, Bild 105-DOA3009 CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

Verkehr 1915:

Das gesamte Verkehrswesen steht seit Ausbruch des Krieges in den kriegführenden Staaten im Dienste des Militärs. Ein gut ausgebautes Eisenbahn- und Straßennetz sowie ausreichende Transportkapazitäten sind entscheidende Voraussetzungen, um schnelle Truppenverlegungen vornehmen zu können und den Material- und Munitionsnachschub zu gewährleisten.

Die Eisenbahn, das mit Abstand bedeutendste Verkehrsmittel, ist am stärksten in die militärischen Planungen einbezogen. Dabei kommt dem deutschen Militär die Leistungsfähigkeit des deutschen Bahnnetzes entgegen, das mit einer Gesamtstreckenlänge von 62 096 km (ohne Kleinbahnen) das Größte in Europa und dichteste in der Welt ist. Mit Kriegsbeginn ist die Verfügung über den gesamten Eisenbahnbetrieb an die Militärbehörden mit dem Feldeisenbahnchef an der Spitze übergegangen. Die Erfüllung militärischer Anforderungen hat oberste Priorität, so dass z. B. zivile Fahrgäste keinen Anspruch auf Beförderung haben und plötzlich notwendig werdende Truppenverschiebungen jederzeit eine Unterbrechung des regulären Verkehrs notwendig machen können.

Nachdem die Beanspruchung der Eisenbahn durch den Truppenaufmarsch in den ersten Kriegsmonaten nachgelassen hat, kann der zivile Verkehr 1915 ohne große Störungen betrieben werden. Der Fahrplan umfasst dabei nur etwa 60 – 70% der Zugverbindungen des normalen Friedensverkehrs. Größere Einschränkungen werden dagegen über den privaten Straßenverkehr verhängt. Zahlreiche Autos werden zum einen für den Heeresbedarf gegen Entschädigung beschlagnahmt (allein in Berlin kauft die Heeresverwaltung bis März 1100 Kraftwagen an). Zum anderen wird der private Autoverkehr wegen des Mangels an Treibstoffen, Gummi und Schmieröl durch eine am 15. März in Kraft tretende Bundesratsverordnung stark eingeschränkt. Kraftfahrzeuge werden danach nur dann zum Verkehr zugelassen, wenn an ihrem Betrieb ein öffentliches Interesse besteht (z. B. Firmenfahrzeuge, Autos von Ärzten).

Mehr als die Hälfte der noch zugelassenen 50 000 Autos im Deutschen Reich muss aufgrund dieser Bundesratsverordnung ab März stillgelegt werden. International sind das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn durch den Krieg nahezu völlig isoliert, da sämtliche Verkehrsverbindungen zwischen den Mittelmächten und den Alliierten eingestellt sind und die Seeverbindungen von den Alliierten kontrolliert werden. Eines der wichtigsten Ziele des Balkanfeldzuges der Mittelmächte gegen Serbien im Herbst ist es, die Isolierung durch die Wiederherstellung der Eisenbahnverbindung mit dem Osmanischen Reich und die Öffnung des Schiffsweges über die Donau zu lockern.

In der internationalen Handelsschifffahrt fehlt es zunehmend an Frachtraum, da die deutsche Handelsflotte (die etwa 15% der weltweiten Gesamttonnage umfasst) durch die britische Blockade lahmgelegt ist und sich zudem die Verluste der Alliierten durch den im Februar beginnenden deutschen U-Boot-Krieg bemerkbar machen.

Mehr als 400 deutsche Handelsschiffe sind von der britischen Marine aufgebracht worden. In US-amerikanischen Häfen liegen deutsche und österreichisch-ungarische Dampfer mit einer Gesamttonnage von 530 000 Bruttoregistertonnen fest. Die Mittelmächte versenken bis Ende August 565 Handelsschiffe mit zusammen mehr als 900 000 Bruttoregistertonnen. Infolge der immer knapper werdenden Schiffstonnage und der Kriegsgefahren steigen die Frachtpreise teilweise um über 300% an.