Zu wenig Schiffe, Autos und Bahnen

Verkehr 1918:

Mangel, so lautet international das Stichwort in sämtlichen Bereichen des Verkehrswesens. Es gibt zu wenig funktionsfähige Eisenbahnen für den Transport von Nahrungsmitteln und von Rüstungsgütern; es mangelt an Automobilen, um den technischen Erfordernissen des Bewegungskrieges nachkommen zu können; den alliierten Kriegsgegnern des Deutschen Reiches, insbesondere den USA, fehlt es an ausreichenden Transportkapazitäten auf Schiffen, um die gesamte Wirtschaftskraft zur Unterstützung der in Europa kämpfenden Einheiten umfassend einsetzen zu können.

Das Deutsche Reich hat sowohl mit der Ukraine als auch mit Rumänien Friedensverträge abgeschlossen, die umfangreiche wirtschaftliche Abkommen beinhalten. Beide Länder verpflichten sich, große Mengen Nahrungsmittel ins Reich zu liefern. Dafür benötigt das Deutsche Reich Eisenbahnlinien, die jedoch kaum funktionsfähig sind. Trotz des Versuchs, die Lebensmittellieferungen per Schiff auf der Donau zu transportieren, kommen die Wirtschaftsvereinbarungen dem deutschen Volk kaum zugute, weil die vereinbarten Mengen nicht befördert werden können.

Im revolutionären Russland, das unter dem Bürgerkrieg zu leiden hat, besteht das gleiche Problem. Konterrevolutionäre Einheiten kontrollieren die transsibirische Eisenbahn und die Eisenbahnlinie Moskau-Zaryzin (Wolgograd), so dass die Hauptstadt vom größten Getreideanbaugebiet Russlands, dem Wolga-Becken, abgeschnitten ist. Erst im Sommer gelingt es den Bolschewiki, die Eisenbahnlinie zurückzuerobern.

Auch im Bereich der Automobile machen sich kriegsbedingte Mangelerscheinungen immer stärker bemerkbar. Die Kraftfahrzeuge des deutschen Heeres sind wegen des Kautschukmangels fast durchweg eisenbereift. Der Artillerie fehlen PS-starke Zugmaschinen. Der Mangel an ausreichenden Transportmitteln ist ein Grund für den Zusammenbruch der zunächst erfolgreichen Westoffensive. Die rasch vorrückenden Armeen leiden schnell unter Kraftstoffmangel, sind zu unbeweglich und zu weit von den Versorgungsstationen entfernt.

Fast alle deutschen Automobilhersteller produzieren ausschließlich für das Militär. Zu den bedeutenden Firmen zählen Daimler und Benz, die sowohl Automobile als auch Flugzeugmotoren herstellen. Einige Firmen wenden sich mit ihren Neuentwicklungen auch noch an den kleinen Kreis privater Abnehmer. Zu den technisch wegweisenden Modellen des Jahres zählt ein Wagen der »Horchwerke AG Zwickau«, bei dem eine Karosserie, die wie ein Schiffsbug gestaltet ist, den Luftwiderstand erheblich verringert. Das gleiche Ziel hat die Firma »Carrosserie Schebera, Berlin«, die ein Cabriolet vorstellt, das ein langgezogenes Heck in Torpedoform besitzt. Ebenfalls eine neue Entwicklung im Deutschen Reich ist das »Phänomobil«, ein Dreirad der »Phänomen-Werke«, Zittau.

Weniger fortschrittlich ist das neue Modell der »Audi-Werke AG, Zwickau«, deren Luxusautomobile immer noch an Pferdekutschen erinnern. Die Werbung richtet sich daher ausschließlich an sehr reiche Herrschaften, die nur mit Chauffeur unterwegs sind.

Die »Bayerischen Motoren Werke München« stellen im Jahr 1918 ihre Produktion hauptsächlich auf Motorpflüge für die deutsche Landwirtschaft um.

Das Verkehrsmittel, das sich als kriegsentscheidend erweist, ist das Handelsschiff. Zur Versorgung der alliierten Truppen und der Zivilbevölkerung müssen vor allem von den USA ungeheure Mengen Rüstungsmaterial und Lebensmittel sowie Truppenverbände auf dem Seeweg an die europäische Front befördert werden. Obwohl die US-amerikanischen Schiffe nur noch im staatlichen Auftrag fahren, reicht der vorhandene Schiffsraum nicht aus. Die USA requirieren deshalb Schiffe neutraler Länder, die in den US-amerikanischen Häfen liegen. Zusätzlich werden Abkommen mit neutralen Ländern über die Benutzung der gesamten jeweiligen Handelsflotten und die Schiffsneubauten geschlossen. So verpflichtet sich Japan im neuesten Vertrag mit den USA zur Lieferung von 400 000 BRT Schiffsraum, teilweise als Neubau. Die so entstehende Überlegenheit der alliierten Handelsflotte führt zur besseren Materialversorgung der Armeen und damit letztlich zur Niederlage der Mittelmächte.

Auch die außereuropäischen neutralen Länder leiden unter mangelndem Frachtraum. Besonders die Ernten in Südamerika können nur unzureichend verschifft werden.

Wegen der Wirtschaftsblockade ist das Deutsche Reich weniger auf Schiffsverkehrswege angewiesen. Einzig mit Finnland findet nach der Friedensvereinbarung vom März ein Handelsverkehr über See statt. Stattdessen versucht die deutsche Kriegsmarine – vergeblich – den alliierten Seeverkehr bis kurz vor Kriegsende im November mit U-Booten lahmzulegen.