Auslandsreisen stoßen auf scharfe Kritik

Urlaub und Freizeit 1919:

Die ersten Urlauber, die 1919 die Nord- und Ostseebäder aufsuchen, werden überall mit den Spuren des Ersten Weltkriegs konfrontiert: Reste von Stacheldrahtzäunen, Unterstände in den Dünen, Baracken, bombensichere Munitionsbauten und Beobachtungsstände der Artillerie, die zurückgelassenen Geschütze und unzählige Kaninchenställe erinnern daran, dass hier fünf Jahre lang der Krieg tobte und das Badeleben ruhte. Der Sommer des Jahres 1914 versprach für die Nord- und Ostseebäder ein Rekordjahr zu werden. Doch mitten im Urlaubsvergnügen mussten die Gäste bei Kriegsausbruch die Bäder und Inseln verlassen und Platz für die anrückenden Soldaten machen.

Als erstes Nordseebad eröffnet im Frühjahr 1919 Wangerooge den Badebetrieb. An Pfingsten reisen die ersten Gäste mit den Salonschnelldampfern »Lachs« und »Delfin« des Norddeutschen Lloyd an. Die aus der Vorkriegszeit bekannten »Badezüge« können in diesem Jahr wegen Kohlenmangels und fehlender Lokomotiven und Waggons nicht eingesetzt werden. Wer sich eine Fahrt zu den Bädern gönnen will, muss meist tief in die Tasche greifen und mit Flugzeug oder Automobil anreisen.

Die meisten Deutschen können sich nach dem Krieg ein solches Vergnügen nicht leisten. Sie sind auf die Erholungsmöglichkeiten in der Umgebung ihres Wohnortes angewiesen, auf Frei- und Strandbäder und auf Seen.

Für erholungsbedürftige Stadtkinder stehen Sommerheime bereit, elf davon in Dänemark. Dänische Gutsbesitzer haben diese Häuser zur Verfügung gestellt, das Geld für die Aufenthalte sammelte die dänische Bevölkerung. In Zürich vermittelt eine »Zentralstelle« die Unterbringung von unterernährten deutschen Kindern während der Ferien in Privatfamilien. In sog. Gesandtschaftsheimen, in Lugano, Ascona und Davos, werden kranke deutsche Kinder zur Kur untergebracht, tuberkulosekranke z. B. vorzugsweise in Davos.

Abgesehen von solchen Kuraufenthalten vor allem für Kinder, Jugendliche und Kranke sind Reisen ins Ausland verpönt, obwohl Deutsche, die ihren Urlaub außerhalb des Deutschen Reiches verbringen, ohnehin nur in Länder reisen, die nicht als »Feindstaaten« angesehen werden: Sie verbringen ihren Urlaub vorzugsweise in der Schweiz, in Österreich, in den Niederlanden oder in Dänemark. Wegen der schlechten Devisenlage im Deutschen Reich stoßen solche Auslandsreisen auf Kritik. »Wenn man sieht, wie heute wieder ein wahrer Strom von Vergnügungsreisenden, denen auch hier während des Krieges nichts abgegangen ist, sich in die Schweiz ergießt, so kann einem manchmal das Blut in den Kopf steigen«, schreibt die angesehene» Frankfurter Zeitung« im Juli. »All diese Herrschaften, die gerade so gut nach dem Schwarzwald und Oberbayern gehen könnten, berauben ihre Volksgenossen notwendiger Einfuhren und verteuern das, was hereinkommt. Leider gehen hier ehemalige Minister und gegenwärtige Ministerfamilien mit schlechtem Beispiel voran. Es wäre deshalb sehr zu empfehlen, Schweizerreisen nur für geschäftliche Zwecke oder aber für Schwerkranke zu genehmigen.« Als gute Beispiele werden Reichspräsident Friedrich Ebert und Reichswehrminister Gustav Noske genannt, die angeblich an der Ostsee ausspannen, was durch eine manipulierte Fotografie zu unerfreulichen Schlagzeilen führt.