Ersatzkaffee und Ziegenmilch

Ersatzkaffee und Ziegenmilch
Bezugskarte für Kaffee-Ersatz (Kaffee-Ersatz-Karte – Fragment) Berlin und Umgebung 1920. Norbert Radtke (Dramburg) [Public domain, GFDL or CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Ernährung, Essen und Trinken 1919:

Die Hungerblockade der Alliierten hat seit 1915 mehr als 700 000 Deutschen das Leben gekostet. Sie wird erst nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags im Juni 1919 aufgehoben. Der Mangel an Nahrungsmitteln, insbesondere an nährstoffreichen, hat die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung, vor allem von Kindern, Jugendlichen und alten Menschen gegen Krankheiten herabgesetzt.

Die völlige Umstellung der Ernährungsgewohnheiten hat jedoch nach Meinung von Wissenschaftlern auch positive Seiten: Aufgrund des verminderten Alkohol- und Fleischgenusses sind Gichtkrankheiten erheblich zurückgegangen ebenso wie die Fälle von Zuckerharnruhr. Alkoholische Exzesse und ihre Folgeerscheinungen sind fast völlig verschwunden. Aus diesem Grunde wird vielfach dafür plädiert, den Fleischkonsum, der im letzten Friedensjahr 70 bis 90 kg pro Kopf der Bevölkerung betrug, nur mäßig wieder anwachsen zu lassen, nämlich auf 30 bis 35 kg pro Kopf, was dem Durchschnittsverbrauch der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts entspricht.

Die Deutschen werden aufgefordert, beim Essen und Trinken auf den Luxus ausländischer Spezialitäten zu verzichten und damit einen Beitrag zur Stärkung der Volkswirtschaft zu leisten. Jedem Deutschen soll klar sein, dass durch den Kauf von Brüsseler Weintrauben und Poularden, russischem Kaviar oder französischem Champagner der innere Markt geschädigt wird. Die Lösung der »Magenfrage« besteht eben nicht, so heißt es, in der Befriedigung des Gaumenkitzels Einzelner, sondern in der Lieferung der für die Gesundung des gesamten Volkes erforderlichen Nahrungsmittel durch den inneren Markt.

Der Binnenmarkt ist aber 1919 noch nicht einmal fähig, die Nachfrage selbst bei Grundnahrungsmitteln voll zu befriedigen. Vielfach müssen die Deutschen Brot, Mehl, Kartoffeln u. a. auf dem schwarzen Markt zu überhöhten Preisen kaufen, da selbst solche Nahrungsmittel in den Geschäften nicht angeboten werden. Außerdem muss sich die Bevölkerung weiter von Ersatznahrungsmitteln ernähren, die von offizieller Seite angepriesen werden, mit dem Ziel, ihnen zu einem besseren Ruf zu verhelfen: Der heimische Gerstenkaffee, »gut gekocht und ohne minderwertige Streckmittel«, wird als weit gesünder und nahrhafter bezeichnet als z. B. ausländischer Bohnenkaffee. Auch die Vorurteile gegenüber Ziegenmilch, Kaninchen-, Ziegen- und Pferdefleisch sind weitgehend verschwunden. Graupen, »in der Kochkiste weich gedämpft«, haben den Reis verdrängt bei Suppen, als Beilage zu Fleisch, Obstpuddings und Kuchen. »Im Eiweißreichtum und im Fett des Salzherings hat die Not die richtige Zukost zur Kartoffel entdeckt.«

Für die vor dem Krieg noch wenig bekannten ostfriesischen Milchschafe werden Höchstpreise gezahlt: Unter 400 Mark ist ein ausgewachsenes Tier nicht zu haben, und selbst für wenige Wochen alte Lämmer werden Fantasiepreise geboten. Die fettreiche Milch dieser Schafe schmeckt nicht »nach Bock« wie Ziegenmilch und lässt sich leicht verbuttern.

Ein zentrales Problem ist auch die Lagerung der Lebensmittel. Wem es gelingt, größere Vorräte an Kartoffeln, Wurzeln und Gemüse zu hamstern, dem verderben sie vielfach. Tausende von Zentnern Kartoffeln, Gemüse und Kohl verfaulen in stockigen, vernachlässigten Kellern. Hausfrauenvereine führen in den Städten »Musterkeller« vor, mit denen sie Tipps für die Überwinterung von Nahrungsmitteln geben: Rüben z. B. werden schichtweise in trockenem Sand gelagert, eine Schicht Sand, eine Schicht Rüben, damit sich die Wurzeln nicht berühren; Petersilie wird stehend in den Sand gesteckt, so dass nur der Kopf herausschaut. Während sich viele Menschen um die Deckung ihres Nahrungsmittelbedarfs sorgen müssen, schauen Winzer und Weinliebhaber optimistisch in die Zukunft. In den europäischen Weinanbaugebieten wird in diesem Jahr ein guter Jahrgang geerntet, auch wenn die Ernteerträge mengenmäßig unterdurchschnittlich bleiben.