In die Friedensproduktion fließen Kriegserfahrungen mit ein

Auto und Verkehr 1919:

Der Straßen- und Eisenbahnerstreik, der im Sommer 1919 Berlin lahmlegt, wäre in den Vereinigten Staaten wirkungslos verpufft: In den USA kommt auf 24 Einwohner ein Kraftwagen, im Deutschen Reich besitzt nur jeder 684. ein Auto. Während in Europa der Erste Weltkrieg tobte, machten die Produzenten in den Vereinigten Staaten im Automobilbau rasante Fortschritte. Die Fließbänder sorgen inzwischen für Stückzahlen, die in Europa nicht einmal annähernd erreicht werden.

Dabei hat der Krieg zahlreiche Produktionsstätten für Motoren entstehen lassen: Rolls-Royce baut Flugzeugmotoren in Großbritannien, Marc Birkigt in der Schweiz, im Deutschen Reich produzierten die Bayerischen Motorenwerke (BMW) für den Krieg, in Italien fertigt Ettore Bugatti, in Frankreich Andre Citroën für das Militär. Vier Jahre lang hat die deutsche Automobilindustrie produziert, was der Kriegsalltag verlangte, ohne dass Zeit blieb für Neuentwicklungen. Die großen Stückzahlen an Kriegsautomobilen wurden mit denselben Fertigungsmethoden hergestellt wie vor dem Krieg, ohne dass die Produktionsanlagen modernisiert wurden.

Mit dem Knight-Schiebermotor, der seit 1910 bei Daimler gebaut wird, beginnt in Untertürkheim 1919 die Friedensproduktion von Personenwagen. Dabei fließen die Erfahrungen im Flugzeugmotorenbau in die neuen Kraftwagen ein: Der für die Aufladung von Flugmotoren entwickelte Kompressor wird auch für Fahrzeugmotoren genutzt. Mit der Fertigstellung der »Einfahrbahn« von Opel wird 1919 bei Rüsselsheim die erste Teststrecke dieser Art im Deutschen Reich in Betrieb genommen. Im April 1919 nimmt Opel die Automobilproduktion wieder auf, nachdem die von den Franzosen 1918 besetzte Fabrik vorübergehend nur Fahrräder mit 1,1-PS-Motoren hergestellt hat.

Ab Sommer bietet Opel zwei neue Sechszylinder an: 21/55 PS und 30/75 PS. Eine markante Erscheinung unter den Opel-Modellen ist auch das sportliche Modell 8/25 PS mit seinem Spitzkühler und dem schlanken Bootsheck.

Giovanni Agnelli verlegt sich 1919 auf Großserienwagen, Fiat wird zum Massenproduzenten: 1919 kommt der Typ »501« auf den Markt mit einem 1,5-Liter-Vierzylinder-Motor und 23 PS Leistung. Der Däne Joergen Skafte Rasmussen, der seit 1907 in Zwickau in Sachsen arbeitet, stellt 1919 ein Fahrzeug mit Zweitaktmotor vor, das er »Des Knaben Wunsch« nennt. Mit dem Zeichen DKW (auch als »Das Kleine Wunder« gedeutet) versieht er auch seine Fahrradhilfsmotoren und Motorräder.