Konfessionelle contra weltliche Schule

Bildung 1919:

Die Bildungsdiskussion im Deutschen Reich steht 1919 im Zeichen der Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche. Am 25. Januar wird im katholischen Bayern Religion zum Wahlfach degradiert. Am 11. Juli verbietet Sachsen den Religionsunterricht an den Volksschulen, am 18. Juli trifft Braunschweig die gleiche Entscheidung. Ebenfalls am 18. Juli wird im größten deutschen Land, in Preußen, die geistliche Ortsschulinspektion aufgehoben.

Die ersten Reaktionen auf diese Entscheidungen sind Proteste von kirchlichen Behörden und Zentrumsorganisationen, Hirtenbriefe von Bischöfen, Wahlaufrufe von Pfarrern. Im Zusammenhang mit einem Vorfall an einer Münchner Knabenschule, wo der Lehrer das Schulgebet nicht mehr verrichten ließ, regt der »Bayerische Kurier« wegen dieser »religiösen Vergewaltigung der Kinder« einen Schulstreik an.

Die Trennung der Kirche vom Staat und der Schule von der Kirche gehört zu den bereits im »Eisenacher Programm« von 1869 erhobenen Forderungen der Sozialdemokratie. Der Versuch, nach der Revolution diese Forderung in mehreren deutschen Einzelstaaten zu verwirklichen, ruft den erbitterten Widerstand der Kirchen hervor. Sie sind Träger einer gegen die »Entchristlichung« der Schule gerichteten Protestbewegung von großer politischer Tragweite, die erheblich die Wahlen beeinflusst.

Der Reichsminister des Innern, Eduard Heinrich Rudolph David (MSPD), umreißt am 18. Juli die unterschiedlichen Standpunkte so: »Die ältere Auffassung sieht in der Schule keine rein weltliche Angelegenheit, sondern meint, die Kirche müsse kraft der ihr vom Staate verliehenen Autorität hier bestimmend eingreifen können. Unter dieser Auffassung stand im Wesentlichen auch die frühere Simultanschule als konfessionell gemischte Schule, über die die Kirche ihre Autorität gleichfalls erstreckte. Die jüngere Auffassung sieht in der Schule eine rein staatliche Einrichtung mit nur staatsbürgerlichen Erziehungsaufgaben. Den Religionsunterricht hält sie allein für eine Aufgabe der Religionsgemeinschaften. Sie will eine rein weltliche konfessionslose Schule.« Der Kompromiss, auf den sich die Parteien in der Weimarer Nationalversammlung einigen, sieht vor, dass künftig allein der Wille der Erziehungsberechtigten darüber entscheiden soll, welche der drei Schularten – konfessionelle, Simultan- oder weltliche Schule – das Kind besuchen soll. Die Entscheidung soll den Schulgemeinden überlassen werden derart, dass jede Gemeinde über die Schulform befindet. In jeder Gemeinde soll alle fünf bis acht Jahre ermittelt werden, wie viel Anhänger der einen oder anderen Schulform es gibt. Nach dem Ergebnis soll die Einrichtung von konfessionellen, Simultan- oder weltlichen Schulen prozentual erfolgen.