Neuanfang nach Kriegserfahrung: Bauhaus und Neues Bauen

Neuanfang nach Kriegserfahrung: Bauhaus und Neues Bauen
Das rekonstruierte Bauhaus-Gebäude in Dessau. Das Bauhausgebäude entstand 1925 bis 1926 nach Plänen von Walter Gropius als Schulgebäude für die Kunst-, Design- und Architekturschule Bauhaus. © Foto Josef Höckner, München

Architektur 1919:

Nach Kriegsende prägen Revolution, Wirtschaftskrise und zerstörte Ideale die Atmosphäre im Deutschen Reich. Für kurze Zeit – bis Ende 1920 – beherrschen Weltschmerz und Weltfluchtgedanken die Köpfe der deutschen Architekten. Sie suchen Zuflucht in fantasievollen Visionen und Utopien. Hermann Finsterlin und Bruno Taut malen strahlende »Glaspaläste« und glitzernde »Kristalldome« auf eisigen Gipfeln. »Kathedralen der Zukunft« sollen nach den Kriegsgräueln den Glauben an das Klare, Reine und Gute im Menschen beschwören. »Glas« steht für unverdorbene Schuldlosigkeit.

Durch Bruno Tauts Initiative bildet sich im Dezember die »Gläserne Kette«, eine gezeichnete und gedichtete Korrespondenz zwischen gleichgesinnten Architekten (Bruno und Max Taut, Wassili und Hans Luckhardt, Hermann Finsterlin u. a.), die sich gegenseitig ihre filigranen »Lichtgestalten« präsentieren, sich Mut machen und ihr »Tun« als geistige Lockerungsübung für bessere Zeiten betrachten. Richtungsweisend für das gestalterische und architektonische Schaffen in der Nachkriegszeit ist die Gründung des »Bauhauses« durch Walter Gropius. Es entsteht aus der Vereinigung der »Hochschule für bildende Künste« mit der »Kunstgewerbeschule«. Der Begriff »Bauhaus« wird schnell zum Synonym für moderne Architektur. Die Absicht von Gropius ist es, die Architektur aus ihrer handwerklichen Tradition zu lösen und sie in die industrielle Bauproduktion zu integrieren.

Die Architekten-Avantgarde der Jahrhundertwende (Peter Behrens, Hans Poelzig, Heinrich Tessenow, Hermann Muthesius) hatte zwar das historisierende, den klassischen Baustilen verhaftete Bauen verdrängt, aber keine eigenständige neue Formensprache hinterlassen. Erst Gropius gelingt es mit seiner Bauhauskonzeption, das Werkbund-Erbe mit den Theorien der »de Stijl«-Gruppe (Theo van Doesburg, Gerrit Thomas Rietveld, Jacobus Johannes Pieter Oud) und der russischen Konstruktivisten (El Lissitzky, Wladimir J. Tatlin, Kasimir S. Malewitsch) sowie der Lehre des jungen Le Corbusier von den »Reinen Formen« zu verschmelzen. Durch die Zusammenarbeit der eigenwilligsten Künstler der Zeit (Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer, László Moholy-Nagy, Wassily Kandinski u. a.) bildet sich allmählich die Formensprache des »Neuen Bauens« heraus. Das Ergebnis, die Reduktion aller Bauteile auf ihre geometrischen Grundformen (Quader, Kubus, Zylinder u. a.), bietet zwei Vorteile: Zum einen sind diese Formen ästhetisch unbelastet, sie eignen sich deshalb gut als Ausdrucksmittel einer neuen Architektur; zum anderen sind sie »Industrieformen«, d. h. die industrielle Fertigung von Bauteilen ist wenig problematisch.

Die Entwürfe der Bauhaus-Architekten orientieren sich in der Hauptsache an Funktionalität und Variabilität; bestmögliche Benutzbarkeit ist das Ziel. »Schönheit« entsteht durch die Harmonisierung von Gebäudezweck, Baukörper, Material und Konstruktionsprinzip.

Die Zielvorstellung von Gropius bei der Gründung der Bauhaus-Hochschule ist es, den Architekt weniger als Bau-Künstler denn als Koordinator aller formaler, technischer, sozialer und wirtschaftlicher Aspekte des Bauens tätig werden zu lassen.