Qualifizierte Facharbeiter gefragt – Akademiker chancenlos

Arbeit und Soziales 1919:

1919 besteht in der deutschen Landwirtschaft erstmals ein Überangebot an jüngeren und älteren männlichen Arbeitskräften, meist aus den »gebildeten Ständen« und aus städtischen Kreisen; sie wollen die Landwirtschaft erlernen. Die Gutsbetriebe werden mit Anfragen wegen der Aufnahme von Lehrlingen und Praktikanten geradezu überhäuft, aber nur einem Bruchteil der Bewerber gelingt es, eine Stelle zu erhalten.

Ursache dieser Erscheinung ist die katastrophale Situation in der deutschen Nachkriegswirtschaft mit einem Heer von Arbeitslosen. Die aus der Armee entlassenen Jugendlichen, die vor dem Ersten Weltkrieg noch keinen Beruf erlernt hatten, zahlreiche Offiziere, die durch die Demobilmachung beschäftigungslos wurden, aber auch viele Akademiker drängen in die Landwirtschaft. Das liegt nicht nur daran, dass diesem Wirtschaftszweig im Allgemeinen gute Zeiten vorausgesagt werden, sondern auch an der Propagierung eines großzügigen Siedlungswerks im Deutschen Reich. Am 19. Juli verabschiedet die Nationalversammlung dazu das Reichssiedlungsgesetz.

Trotz der hohen Arbeitslosigkeit macht sich in einer Reihe von gewerblichen Berufen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften bemerkbar, z.B. im Metall-, Holz-, Konfektions- und Schuhmachergewerbe. Mangel an Arbeitskräften herrscht außerdem in den Unternehmen der sog. Urerzeugung, im Bergbau- und Hüttenwesen. Dieses widersprüchliche Bild des Arbeitsmarkts mit hoher Arbeitslosigkeit auf der einen Seite und Mangel an geschulten Fachkräften auf der anderen, ist auf die hohen Kriegsverluste und die fehlende Ausbildung der Jugendlichen während des Kriegs zurückzuführen.

Katastrophal ist auch die Lage in den sog. Akademikerberufen. Hier herrscht ein völliges Überangebot an Arbeitskräften. Wegen der Bestimmungen des Versailler Friedensvertrags fallen mehrere Tausend Offiziersstellen in Heer und Marine fort. Die Offiziere, die normalerweise beim Militär geblieben wären, sind nun gezwungen, ihren Abschied zu nehmen und sich nach einem anderen Broterwerb umzusehen. Michael von Faulhaber, der Erzbischof von München und Freising, bestätigt in einer öffentlichen Ansprache, dass sich bei den Kirchen täglich Offiziere melden, die das geistliche Amt ergreifen wollen. Durch den Verlust Elsass-Lothringens, deutsch-tschechischer und deutsch-polnischer Landesteile fallen alle bisher von Deutschen besetzten Behördenstellen in diesen Gebieten weg; die betroffenen Beamten sind darauf angewiesen, dass entsprechende Stellen für sie im Deutschen Reich frei gemacht werden. Doch die Kassen des Reichs, der Länder und der Gemeinden sind leer; es wird gespart, wo immer es möglich ist: Bei Neueinstellungen, Bezahlungen, Pensionierungsmöglichkeiten usw.

Auch die Ärzteschaft ist betroffen. In den großen Zeitungen wird gewarnt: »Die Aussichten für Ärzte sind die denkbar schlechtesten geworden durch die große Ausdehnung der Krankenversicherung und die dadurch bedingte weitere Einschränkung der Privatpraxis, die Zunahme der Kurpfuscherei, das Einwandern deutscher Ärzte aus dem Ausland und den gefährdeten Landesteilen in Ost und West und den Wegfall der Schiffarztstellen. Seit Kriegsbeginn wurden 5800 Ärzte approbiert bzw. notapprobiert.«

Qualifizierte Arbeiter finden leichter eine Stelle als qualifizierte Akademiker. Schlosser und Monteure werden benötigt, nicht aber Ingenieure. Die Bauwirtschaft stellt Maurer ein, braucht aber keine Architekten. Ingenieuren wird geraten, sich als Erdarbeiter beim Bau von Kraftwerken zu bewerben. Werden Stellen für Akademiker ausgeschrieben, kommen etwa 50 Bewerber auf eine freie Stelle. In dieser Situation wird der Ruf laut, die Frauen sollten die Arbeitsplätze, die sie während des Kriegs an der »Heimatfront« übernommen haben, zugunsten arbeitsloser Männer aufgeben.