Trotz Niederlage und Not Erfolge für deutsche Forschung

Wissenschaft und Technik 1919:

Die Auszeichnung von drei deutschen Wissenschaftlern mit Nobelpreisen wird weltweit mit besonderer Aufmerksamkeit registriert. Im Deutschen Reich werden die Auszeichnungen als Ausdruck dafür gewertet, dass deutsche Wissenschaft und Technik international Maßstäbe setzen, trotz der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der katastrophalen Wirtschaftslage. 1919 erhalten Max Planck (Physik) und Fritz Haber (Chemie) die Nobelpreise für 1918, Johannes Stark erhält den Physiknobelpreis für 1919.

Die Nobelpreise sind Auszeichnungen für Leistungen in der Vergangenheit, doch auch in der Nachkriegsgegenwart geht das Forschen in Wissenschaft und Technik im Deutschen Reich weiter: Walther Bauersfeld, Konstruktionsleiter der Firma Carl Zeiss in Jena, beginnt mit der Entwicklung des ersten brauchbaren Projektionsplanetariums (Zeiss-Projektionsplanetarium), bei dem die Gestirne an die Innenwand einer halbkugelförmigen Kuppel projiziert werden.

Ingenieure und Wissenschaftler in Europa und den USA befassen sich intensiver denn je mit der Entwicklung neuer Verfahren zur Informationsübermittlung. Joseph Massolle, Jo Benedict Engl und Hans Vogt entwickeln das Triergon-Lichttonverfahren zur Aufnahme und Wiedergabe von Tonfilmen (erste öffentliche Vorführung 1922). Dem ungarischdeutschen Ingenieur Dénes von Mihály, der bereits vor fünf Jahren ein Fernsehsystem konstruierte, gelingt im Juli des Jahres mit seinem »Teleohr« genannten oszillografischen Bildfeldzerleger die Übertragung bewegter Bilder über mehrere Kilometer. In einer Textilfabrik im österreichischen Velm wird die erste Flügel- bzw. Kaplan-Turbine installiert. Diese Strömungsmaschine, die 1912 von dem österreichischen Ingenieur Viktor Kaplan konstruiert wurde, erlaubt die Gewinnung von Energie aus Wasserkraft. Durch verstellbare Laufradschaufeln kann ihre Leistung dem Energiebedarf angepasst werden.

Auch auf dem Gebiet der theoretischen Physik wird die Forschung nach dem Ende des Krieges weitergetrieben. Der Physiker Arnold Sommerfeld veröffentlicht den ersten Band von »Atombau und Spektrallinien« (1919/1929), eines der grundlegenden Werke der Quantentheorie und Atomphysik im 20. Jahrhundert.

Das alles überragende technische Thema im Jahr 1919 ist allerdings die Luftfahrt. Die Flugzeugindustrie, die vor dem Weltkrieg noch in den ersten Anfängen steckte, hat sich während des Krieges in allen kriegführenden Ländern stark entwickelt. Trotz zahlreicher Neukonstruktionen ist die Entwicklung 1919 noch stark von militärischen Aspekten geprägt; z. T. kommen erst jetzt Neuerungen zum Tragen, die während des Kriegs für militärische Zwecke entwickelt wurden, wie z. B. der britische Flugzeugträger »Hermes«, der am 11. September in Großbritannien vom Stapel läuft. Am 25. Juni unternimmt das erste Ganzmetall-Verkehrsflugzeug der Welt, die deutsche Junkers F 13, ihren Jungfernflug. Sie ist der Prototyp eines modernen Verkehrsflugzeugs. Die F 13 wurde konstruiert von Hugo Junkers, der 1919 in Dessau die Junkers-Flugzeugwerk AG gründet. Der Flugzeugkonstrukteur Hanns Klemm vollendet die »L 15«, das mit einem 7,5-PS-Motor ausgestattete erste Leichtflugzeug der Welt. Der US-Amerikaner Robert H. Goddard beschreibt in dem Buch »Eine Methode zum Erreichen extrem großer Höhen« erstmals die Flüssigtreibstoff-Raketen. Der Spanier Juan de la Cierva entwickelt den Tragschrauber bzw. Autogiro, ein Zwitterflugzeug aus Propellermaschine und Hubschrauber.