Wohnraumknappheit belastet Kommunen

Wohnen und Design 1919:

Das Jahr 1919 steht für die deutsche Bevölkerung im Zeichen extremer Wohnungsnot. Betroffen sind vor allem die größeren Städte. In Anzeigenserien warnen die Zeitungen vor dem Zuzug.

Während des Ersten Weltkriegs ist der Bau neuer Wohnungen in fast allen europäischen Staaten zum Erliegen gekommen. Dies betraf nicht nur kriegführende Länder wie das Deutsche Reich oder Österreich-Ungarn, sondern auch neutrale Staaten wie die Schweiz: Hauptursache war die Materialknappheit. In den kriegführenden Staaten kam erschwerend hinzu, dass fast alle wehrfähigen Männer zum Dienst in den Armeen eingezogen waren und die verfügbaren Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie tätig waren.

Mit dem Ende der Kampfhandlungen wachsen die Wohnungsprobleme in den deutschen Städten. Hunderttausende Soldaten kehren aus dem Krieg zurück. Zahllose Menschen flüchten aus dem jetzt französischen Elsass-Lothringen und aus den an Polen abzutretenden Ostgebieten in das Deutsche Reich, andere kehren aus den ehemals deutschen Kolonien zurück oder verlassen die von den Alliierten besetzten Gebiete.

Nach vierjähriger Pause auf dem Bausektor ist der Wohnungsmarkt diesem Ansturm nicht gewachsen. Das Wohnungselend der Großstädte im deutschsprachigen Raum ist ein Hauptproblem der kommunalen Behörden. Jeder Ort, der irgendwie bewohnbar erscheint, muss genutzt werden. Die Wohnungs- und Mietämter teilen z. B. große Wohnungen, die nur von wenigen Personen bewohnt werden, noch einmal auf, um heimatlose Familien unterzubringen. Oft teilen sich mehrere Familien eine Kochstelle. Manche Stadtverwaltungen, z. B. Charlottenburg (Berlin), sind dazu übergegangen, große Barackenbauten anzulegen und Omnibusse, ausrangierte Eisenbahnwaggons u. a. Notunterkünfte als Wohnungen herzurichten. Zum Bau neuer Wohnungen fehlen auch nach Kriegsende die Rohmaterialien.