Durch nackte Not Ansätze zu demokratischer Alltagskultur

Wohnen und Design 1920:

Der Wohnungsmangel zählt zu den größten Problemen im Deutschen Reich nach Kriegsende. Entsprechend sind Wohnraumgestaltung, aber auch Produktdesign, vor allem von der nackten wirtschaftlichen Not bestimmt.

Aufgrund des Stillstands der Bautätigkeit während des Krieges fehlen im Deutschen Reich mehrere hunderttausend Wohnungen. Obwohl Reich, Länder und Kommunen allein 1919 rund 1,3 Mrd. Mark an Baukostenzuschüssen aufbrachten, entstanden seit Kriegsende nach Schätzungen von Fachleuten nicht mehr als 70 000 neue Wohnungen – eine Zahl, die nicht einmal dem normalen Bedarfszuwachs eines Jahres gerecht wird. Auch in der Reichshauptstadt Berlin werden 1920 lediglich 1250 Neubauwohnungen errichtet (jährlicher Zuwachs vor 1914: rund 20 000 ). Neben der Finanzierungsfrage bildet die Versorgung mit Baustoffen ein erhebliches Problem im Deutschen Reich; zur Beseitigung des Baustoffmangels wird vielfach eine Ausdehnung der staatlichen Bewirtschaftung gefordert.

Mit Höchstmietenverordnungen und Eingriffen in das Privateigentum an Wohnungen versuchen staatliche Stellen, dem Wohnraummangel zu begegnen. Bereits auf einer Tagung des deutschen Wohnungsausschusses am 29. Januar in Berlin wird gefordert, die Mieteinnahmen teilweise wieder in den Wohnungsbau zurückzuführen, um ihn damit anzukurbeln.

Vor diesem Hintergrund sind Innenarchitekten und Designer gezwungen, sich stärker als bisher an der materiellen Realität zu orientieren. Unter dem Motto »Sittliche Diktatur« fordert der deutsche Kunstschriftsteller Karl Scheffler 1920, »daß künstlerisch gesteigerte Bedürfnisse und übermütiger Verbrauch ein soziales Vergehen sind … und daß diese Grundsätze in unserer furchtbarsten Notlage aufs Strengste in die Tat umgesetzt werden müssen.« Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Not und einer verbreiteten kapitalismuskritischen Einstellung gilt eine klassenlose, »demokratische« Alltagskultur mit gleichwertigen Ausdrucksformen als erstrebenswertes Ziel für Designer und Architekten.

Wegweisend wirken dabei die Vorstellungen der niederländischen Künstler- und Architektenvereinigung »De Stijl« und der russischen nachrevolutionären Konstruktivisten. Sie beeinflussen auch die Arbeit des 1919 von Walter Gropius begründeten Bauhauses in Weimar (u. a. mit Lyonel Feininger, Gerhard Marcks, Georg Muche), das seine volle künstlerische Produktivität allerdings erst in den Folgejahren entfaltet.