Fortschritt im Motorenbau

Wissenschaft und Technik 1921:

Wie die beiden Vorjahre steht auch das Jahr 1921 noch im Schatten des Weltkriegs. Der Wiederaufbau bindet technische Kapazitäten. Für Neuentwicklungen fehlt daher noch das Potenzial.

Nennenswerte Fortschritte kann – in Folge des erhöhten Transport- und Verkehrsaufkommens im Rahmen des Wiederaufbaus – allenfalls die Fahrzeugbranche vermelden. Ein neues Additiv für Motorenbenzine entdeckt der Chemiker Thomas Midgley Jr. beim US-amerikanischen Automobilkonzern General Motors. Er findet heraus, dass Tetraäthylblei ein hervorragendes Antiklopfmittel ist.

Ein vom äußeren Erscheinungsbild völlig neues Automobil konstruiert der österreichische Ingenieur Edmund Rumpier. Er überträgt seine Erfahrungen als Flugzeugkonstrukteur auf dem Gebiet der Aerodynamik auf das Kraftfahrzeug und entwickelt einen stromlinienförmigen Personenwagen in Tropfenform. Bereits zwei Jahre zuvor hatte Rumpier Ähnliches bei einem Eisenbahntriebwagen versucht. Sein neues Auto zeichnet sich durch einen cw-Wert von 0,28 aus, der selbst mehr als 50 Jahre später durch andere Kraftfahrzeuge nicht erreicht wird. Der cw-Wert oder Luftwiderstandsbeiwert kennzeichnet die aerodynamische Güte einer Fahrzeugform.

Für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sorgt die US-Firma Duesenberg. Sie produziert die ersten Autos mit hydraulisch betätigten Bremsen. Im kommerziellen Kraftfahrzeugverkehr lassen sich erstmals die Reisedaten während des Betriebs schriftlich erfassen. Die deutsche Uhrenfabrik Kienzle AG bringt den ersten Fahrtenschreiber – sie nennt ihn »Autograph« – auf den Markt.

Ein leichtes Fahrzeug neuer Art bürgert sich im Straßenverkehr ein, das Fahrrad mit Hilfsmotor. Wegweisend für diese Fahrzeuge ist die deutsche Firma DKW, die mit dem Bau der erforderlichen Kleinmotoren zugleich dem Zweitakter zum Durchbruch verhilft.

Weitaus schwerer ist eine neue Fahrzeuggeneration in der Landwirtschaft. Die Firma Heinrich Lanz in Mannheim bringt den ersten einsatzfähigen Ackerschlepper mit Rohölmotor auf den Markt, den »Bulldog«. Die Zugmaschine wird von einem Einzylinder-Glühkopfmotor angetrieben, der bei 500 Umdrehungen/min 15 PS leistet. Unpraktisch ist, dass der Glühkopf vor dem Start mit einer Lötlampe vorgeheizt werden muss. Läuft der Motor erst, dann übernimmt eine elektrische Glühspirale die Zündung. Das Fahrzeug besitzt Stahlräder ohne Bereifung. Die angetriebenen Hinterräder weisen ein tiefes Stahlprofil auf, das auch auf glattem oder weichem Boden gut greift.

Neben den Neuerungen auf dem Verkehrssektor werden auch im Bereich der chemischen Industrie Fortschritte erzielt. Die Brüder Camille und Henri Dreyfus aus der Schweiz beginnen in Großbritannien und den USA mit der Fertigung von Kunstseide. Ihre schon während des Weltkriegs gegründeten Firmen produzieren zunächst synthetische Spannlacke aus Acetylzellulose für die Stoffbespannung von Flugzeugflügeln. Spritzt man die Lacklösung durch feine Düsen, dann bleiben nach dem Verdunsten des Lösungsmittels Acetatfasern zurück, aus denen sich Zwirne und Garne herstellen lassen. Die neuen Textilfasern kommen als »Celanese« auf den Markt.

Eine grundlegende Neuerung auf dem Gebiet der Elektrotechnik ist die Entwicklung einer Elektronenlaufzeitröhre, des Magnetrons, die der US-amerikanische Physiker Albert Wallace Hull erstmals in der »Physical Revue« beschreibt. Diese Art von Röhren kommt in Radarsendern, später auch in Mikrowellenherden und industriellen Hochfrequenzöfen zum Einsatz.

Zur Rationalisierung der nach Kriegsende schnell wachsenden deutschen Industrie wird 1921 ein eigenes Gremium gegründet – das Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit in Industrie und Handwerk, kurz RKW genannt (heute: Rationalisierungskuratorium der deutschen Wirtschaft). Ideologisch knüpft es an die Gedanken des US-Automobilindustriellen Henry Ford und des britischen Betriebswirtes Frederick Winslow Taylor (»Taylorismus«) an.