Grundschule – Experimentierfeld der Reform

Bildung 1921:

Das Jahr 1921 steht im Zeichen reformpädagogischer Bemühungen. Für die 1920 neu eingeführte Grundschule werden detaillierte Richtlinien aufgestellt, die das deutsche Schulwesen und bestehende Unterrichtsmodelle maßgeblich verändern.

Die Einführung der Grundschule gilt als die bedeutendste Leistung der reformpädagogischen Bewegung, denn der erste Schritt zur Einführung der Einheitsschule ist damit getan. Mit den »Richtlinien zur Aufstellung von den Lehrplänen für die Grundschule« wird ein Markstein in der Geschichte der Weimarer Schulreform gesetzt. Das hier vorgelegte Konzept findet schon 1922 Eingang in die Oberschulreform.

Die reformpädagogische Bewegung hatte sich seit der Jahrhundertwende vornehmlich auf die Erneuerung der Volksschule konzentriert. Bisher hatte es in den ersten vier Klassen eine Trennung der Kinder, die für die Höhere Schule vorgesehen waren, und der Kinder, die auf der Volksschule bleiben sollten, gegeben. Die Proteste häuften sich dagegen, dass Kinder, deren Begabung noch gar nicht ersichtlich war, »ein Abonnement auf die Sexta« erhielten, während anderen von vornherein der Wechsel auf eine Höhere Schule versperrt blieb. Um diese sozial ungerechte Differenzierung aufzuheben, wurde die Einführung einer gemeinsamen »Grundbildung« für mindestens vier Jahre gefordert, die durch das Grundschulgesetz von 1920 schließlich verwirklicht wurde. Ohne Rücksicht auf Stand, Beruf oder Einkommen der Eltern sollten nun alle Kinder die gleiche Ausgangsposition haben.

Die neuen Richtlinien für die Grundschule lassen den tiefgreifenden Charakter der Reform im Detail nachvollziehen. Erstmals finden hier wissenschaftliche Erkenntnisse über die Angemessenheit von Unterrichtsinhalten für bestimmte kindliche Altersstufen ihren Niederschlag. In der Grundschule soll nicht so sehr die Wissensvermittlung im Vordergrund stehen als vielmehr das Bemühen, »alle geistigen und körperlichen Kräfte der Kinder zu wecken und zu schulen«.

Das bedeutet, dass zunächst das Kind als soziale Persönlichkeit im Vordergrund steht. Es soll lernen, sich auf die neue Gemeinschaft in der Schule einzustellen. Erst dann kann das Interesse für Unterrichtsinhalte geweckt werden. Einer der wesentlichsten Ansatzpunkte der Reformpädagogen ist das neue Verständnis des Begriffs »Unterricht«. Dieser soll in den ersten vier Schuljahren in engem Zusammenhang mit dem außerschulischen Leben stehen, d. h. direkte Bezüge zum Familienleben herstellen. Weiterhin soll die »manuelle« Ausbildung genauso viel Gewicht haben wie die »geistige«. Aus diesem Grund soll von einer Hierarchie der Unterrichtsfächer abgesehen werden. Zeichnen und Gesang werden der Vermittlung der deutschen Sprache und der Heimatkunde gleichgestellt. Man beruft sich auf Berthold Ottos Bezeichnung des »Unterrichts ohne Fächerung«, d. h. eines Unterrichts, in dem Lehrinhalte nicht mehr streng getrennt sind. Der Vorrang der kindlichen Wahrnehmung findet auch in den Weisungen für den Deutschunterricht seinen Niederschlag. Die Vermittlung von Grammatik soll fortan in den Hintergrund treten, während die enge Verbindung von Sprach- und Sachunterricht das Hauptziel des Unterrichts darstellen soll. Das Kind soll aus Erfahrung und Fantasie schreiben dürfen, wobei das »kindertümliche Schrifttum« toleriert werden muss. Das Ziel, die Schule nicht mehr als reine »Unterrichtsanstalt« erscheinen zu lassen, und die »heimatliche Umwelt« des Schülers in den Lehrstoff einzubeziehen, führt zu einer Aufwertung außerschulischer Aktivitäten. Um die volle Entfaltung des Kindes zu gewährleisten, gewinnen Ausflüge in Schullandheime und das Schulwandern große Bedeutung. Die Kritik vieler Reformpädagogen an der städtischen Zivilisation findet hier Eingang in die neuen Zielsetzungen der Schule. Die besondere Berücksichtigung der kindlichen Entwicklungsphasen resultiert letztlich auch in der Anweisung, jede »Verfrühung und Überbürdung«, vor allem durch Hausaufgaben, zu vermeiden. Das spielerische Lernen in der Schule soll absoluten Vorrang vor jeder auferlegten Pflicht haben.