40 Mark für ein Pfund Brot

Ernährung, Essen und Trinken 1922:

Die Ernährungslage im Deutschen Reich ist geprägt von einer Verknappung bzw. Verteuerung der Grundnahrungsmittel. So steigt schon im März durch Beschluss der Reichsregierung der Brotpreis um 75% im Vergleich zum Vorjahr. Der Wertverlust der deutschen Währung zwingt zur Drosselung der Getreideeinfuhr; sie geht von 322 370 t im September 1921 auf 31 243 t im Januar diesen Jahres zurück. Mittlerweile müssen 13 000 Mark für eine Tonne inländischen Getreides bezahlt werden, und ein Ende der Teuerung ist nicht abzusehen. Um die Brotpreise nicht noch weiter emporschnellen zu lassen, wird beim Brotbacken das Weizenmehl mit Maismehl gestreckt.

Ein weiteres Ernährungsproblem besteht in der mangelhaften Versorgung der Bevölkerung mit dem zweitwichtigsten Nahrungsmittel, der Kartoffel. Die festgesetzten Richtpreise werden häufig von den landwirtschaftlichen Erzeugern auf dem Weg des Naturaltauschs umgangen oder schlichtweg missachtet. Bei einem Richtpreis von 110 bis 135 Mark für den Zentner Kartoffeln muss der Endverbraucher mindestens 350 Mark dafür zahlen.

Erheblich ist auch der Mangel an Zucker. Die rapide Entwertung der Mark, eine schlechte Rübenernte im Herbst 1921 sowie Schwierigkeiten beim Eisenbahntransport führen zu Hamster- und Angstkäufen bei der zuckerverarbeitenden Industrie und beim Verbraucher. Infolgedessen erlässt das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft eine Verordnung, wonach die Verwendung inländischen Zuckers für die Herstellung von Schokolade, Süßigkeiten, Likör, Schaumwein, Branntwein und branntweinhaltigen Getränken verboten ist, desgleichen die Herstellung von Starkbier. Produziert werden darf lediglich Einfach-, Schank- und Vollbier, dessen Herstellungsmengen jedoch ebenfalls strengen Regelungen unterliegen. Gleichzeitig wird im Mai das Zuckerimportverbot aufgehoben, so dass die Zeitungen nun optimistisch auf eine künftige Versorgung des Kleinhandels mit einer »lange und schmerzlich entbehrten Ware« hoffen.

Wird hier zur besseren Bedarfsdeckung eine Handelsschranke eingerissen, so wird sie auf anderem Gebiet zum gleichen Zweck errichtet: Das Ende letzten Jahres von der bayerischen Landesregierung erlassene Ausfuhrverbot für Milch, Butter und Käse wird von der Reichsregierung bestätigt.

Die Verringerung des Lebensstandards im Vergleich zur unmittelbaren Vorkriegszeit zeigt sich besonders deutlich im Fleischverbrauch. Gegenüber 1913 sank er bereits 1921 um die Hälfte. Welche Bedeutung das Problem des unzureichenden Fleischangebots einnimmt, versuchen u. a. ernährungsphysiologische Studien zu beweisen, die den Fleischbedarf von Mitgliedern unterschiedlicher Berufszweige ermitteln. Eine an Hochschulangehörigen vorgenommene Untersuchung ergibt, dass deren Nahrungsbedarf insgesamt zwar weit geringer ist als der von körperlich Arbeitenden, jedoch kann die bei geistiger Arbeit entstehende Zunahme des Phosphorsäuregehalts im Blut besonders wirksam durch Fleischverzehr neutralisiert werden. Die Studie schließt mit der Forderung nach einer den notwendigen Fleischkonsum finanzierbar machenden Entlohnung geistiger Arbeiter.

Der größte Teil der Bevölkerung – ob nun körperlich oder geistig arbeitend – kann sich allerdings höchst selten Fleisch leisten. Angesichts dieser Misere scheint das Ausweichen auf billigeres Gefrierfleisch ein Ausweg zu sein. Noch steht dem jedoch eine weit verbreitete Abneigung der Verbraucher gegenüber. Dennoch wird die Fleischeinfuhr aus überseeischen Produktionsländern in größerem Umfang betrieben. Vorreiter ist die Firma Frigus in Bremerhaven, die auf eine Veränderung der öffentlichen Meinung hofft und in diesem Jahr Europas modernste Gefrier- und Kühlanlage in Betrieb nimmt.