Armut und Not als Folge hoher Preise und niedriger Löhne

Arbeit und Soziales 1922:

Infolge der sich rapide verschlechternden Wirtschaftslage im Deutschen Reich vermindert sich der Lebensstandard der Bevölkerung im Laufe des Jahres zusehends. Arbeiter, Angestellte, Beamte, Selbstständige und Rentner sind davon gleichermaßen betroffen.

Trotz häufig auftretender Streiks in Industrie, Handel und Gewerbe klafft die Schere zwischen den Lebenshaltungskosten und der Höhe der Löhne immer weiter auseinander. Zwar ist die Arbeitslosenzahl noch erstaunlich niedrig – zu Beginn des Jahres beträgt sie nur 1,5% der Beschäftigten – doch verliert die Arbeitsleistung beständig an Wert. Schon 1920/21 gehörten die Reallöhne im Deutschen Reich zu den niedrigsten in Europa, mit dem verstärkten Einsetzen der Inflation im Monat August sinken sie jedoch in vielen Branchen bis auf das Existenzminimum. Viele Familien können nur noch mit Hilfe der öffentlichen Speisungen überleben, die überall in den Großstädten eingerichtet werden.

Der Zusammenbruch der Wirtschaft nach dem Sommer äußert sich in ansteigender Arbeitslosigkeit. 1923 beträgt sie 10%. In der Industrie führt dies zu einer Verschlechterung der allgemeinen Arbeitsbedingungen. Bereits im September fordert der sozialpolitische Ausschuss der Reichsregierung eine Heraufsetzung der Arbeitszeit.