Europäische Autoindustrie hofft auf eine bessere Zukunft

Auto und Verkehr 1922:

Nach dem Ende des Weltkriegs beginnen die europäischen Automobilhersteller mit viel Elan den Ausbau ihres Industriezweiges.

Neu auf den Markt kommende Produzenten, wie z. B. 1919 Citroën in Frankreich, verstärken die Konkurrenz und haben so entscheidenden Anteil an Neuentwicklungen. Der Absatz lässt zunächst zu wünschen übrig, da die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage zu Beginn der 20er Jahre die Käuferschicht reduziert. Von einer Massenproduktion wie in den USA kann deshalb in Europa – vor allem im Deutschen Reich – noch keine Rede sein.

In den USA, wo die Presse bereits die Amerikaner als eine Nation von Autofahrern bezeichnet, ist Henry Ford noch immer der »Autokönig«. Er kontrolliert etwa die Hälfte der US-amerikanischen Automobilproduktion. Etwa 1,25 Millionen T-Modelle verlassen jährlich Fords Fertigungsbänder in den Werken von Detroit. Über die im Deutschen Reich noch unbekannte Fließbandfertigung, das Erfolgsrezept von Henry Ford, berichtet ein Korrespondent der »Frankfurter Zeitung«: »Im Tagesdurchschnitt werden in der Fabrik in Detroit mehr als 3000 >FordsStandard< eingestellt: So z. B. werden die Gehäuse und eisernen Rahmen der Wagengestelle nicht mit der Hand angestrichen, sondern durch große Maschinen in einen Tank eingetaucht, der mit schwarzem Lack gefüllt ist. Auf diese Weise können in der Stunde 100 Wagen lackiert werden. Die einzelnen Bestandteile des Wagens werden fast ausnahmslos durch Maschinen zusammengesetzt und dann festgeschraubt. Der Preis für ein Ford-Automobil betrug im Frieden 250 Dollar, also 1000 Goldmark, er beträgt jetzt 285 bis 300 Dollar.«

Auch in Europa, wo die Autoproduktion sich bisher mehr auf die Herstellung von kostenaufwendigen großen Tourenwagen und Luxuslimousinen konzentriert hatte, kommen 1922 verstärkt Serienwagen auf den Markt. Zwar bleibt der erhoffte Umsatz noch aus, doch bilden diese Modelle die Grundlage für später sehr erfolgreiche Autos. Auf der Automobilausstellung in Paris im Oktober stellt Renault einen kleinen 6 CV vor, der dann als Typ NN zum Evergreen des Hauses wird. Er bildet ein Gegenstück zum Citroën HD, der bereits erfolgreich produziert wird. Auch Peugeot ist bestrebt, in dieser Konkurrenz zu bestehen und präsentiert den Typ 172, einen Nachfolger des leider enttäuschenden kleinen Vierzylinders »Quadrille«.