Hinwendung zu klaren Formen

Architektur 1922:

Im architektonischen Bereich zeichnet sich in den Jahren von 1921 bis 1923 eine Wende ab. Spätexpressionistische Utopien und auch die Träume von einer radikalen gesellschaftlichen Umwälzung nach der Revolution von 1918 weichen einer realistischeren Weltsicht.

Adolf Behne schreibt in der Winternummer 1921/22 der von Bruno Taut herausgegebenen Zeitschrift »Frühlicht«: »Als nach Kriegsende die Welle des Utopischen und Romantischen auch die jungen Architekten ergriff, war das eine Folge der langen Isolierung, als Reaktion des Gefühls der Nutzlosigkeit der geopferten Jahre verständlich. Aber wohl alle Utopisten haben inzwischen vom Kult des Phantastischen zum Lebendigen und zur Selbstbesinnung zurückgefunden.« Die neuen Konzepte der jungen Architektengeneration sind durch Objektivität, Direktheit und Einfachheit gekennzeichnet. Verworfen werden die äußeren und traditionellen Bindungen. Ludwig Mies van der Rohe schreibt dazu: »Jede ästhetische Spekulation, jede Doktrin und jeden Formalismus lehnen wir ab. Baukunst ist zusammengefaßter Zeitwille … Gestaltet die Form aus dem Wesen der Aufgabe mit den Mitteln unserer Zeit.«

Ein Beispiel für die neuen Prinzipien ist die Veränderung des Bauhaus-Konzeptes, die sich in diesen Jahren vollzieht. Unter dem Einfluss des niederländischen Kunsttheoretikers Theo van Doesburg, Mitbegründer der Künstlerguppe De Stijl, beginnt in der Weimarer Kunstschule die Abkehr von den expressionistischen Ideen, deren Ergebnis das spätere funktionale Bauhaus-Konzept ist. Damit verbunden ist die Wandlung von handwerklicher Arbeit zur Anwendung neuer Techniken im Baubereich. Zeugnis davon geben das 1922 fertig gestellte Haus Sommerfeld und das ein Jahr darauf vollendete Ausstellungshaus »Am Hörn« in Weimar. Das spätere, von Georg Muche entworfene und dem Atelier Gropius-Meyer ausgeführte Gebäude ist zweckmäßig und rationell gebaut. Die hier erkennbare Synthese zwischen Technik und Kunst ist eine neue Stufe der im Sommerfeld-Haus angewandten Tradition der Handwerk und Künste vereinenden mittelalterlichen Bauhütten.

Neue Materialien wie Eisenbeton, Glas und Stahl ermöglichen und bedingen neue Strukturen. 1922 stellt Mies van der Rohe den Entwurf eines Bürogebäudes aus Stahlbeton vor, womit er einen neuen Typ des Bürohauses entwickelt. Zweckmäßigkeit und Einfachheit bestimmen das Projekt, die Form ist Ausdruck der Baustruktur.

Mit der Vereinfachung der Formen gewinnt Farbe am Bau an Bedeutung. Hans Poelzig sieht, wie er es selber äußert, in der Verwendung von Farben ein Mittel, das »schwächliche, rein formalistische Anklammern an die Tradition zu überwinden«, Farbe also als selbstständiges ästhetisches Gestaltungsmittel, das die Emanzipation vom Überlieferten ermöglicht. Bruno Taut, 1921 bis 1923 Stadtbaurat im sozialdemokratisch regierten Magdeburg, kurbelt mit jungen Künstler eine Aktion an, um Farbe in die Straßen zu bringen; Fassaden, Verkaufsstände und Straßenbahnen werden mit bunten abstrakten Mustern bemalt. Tauts städtebaulichen Zielen, die ihn mit der neuen Architektengeneration verbinden, eröffnen sich jedoch in der Realität wenig Möglichkeiten. Die Umsetzung des Gedankens einheitlicher, von Funktionen geprägter Städte, in die auch andere Kunstformen einbezogen werden, scheitert u. a. an der finanziellen Not der Kommunen.