Keine Einigung über Reformen

Bildung 1922:

In den öffentlichen Diskussionen über das Bildungswesen im Deutschen Reich spielt das bereits 1920 angestrebte Reichsschulgesetz noch immer eine wichtige Rolle. Auf der Reichsschulkonferenz im Juni 1920 waren die Grundlagen für das Gesetz gelegt worden, jedoch scheiterte die Verabschiedung in den nächsten Jahren an der Uneinigkeit der einzelnen Länder in verschiedenen Punkten. Das sind insbesondere die Durchsetzung der interkonfessionellen Schulen sowie die Einführung einer gemeinsamen vierjährigen Grundschule. Sie soll Teil der Volksschule sein, von der aus die begabteren Schüler dann in eine mittlere oder höhere Schule eintreten können.

Als Folge der unterschiedlichen Auffassungen führen die Länder separate Schulreformen durch. So ersetzt die bayerische Regierung z. B. 1922 die progressive Errungenschaft der kollegialen Schulleitung durch die Wiedereinführung des autoritären Systems. Unter dem Einfluss sozialdemokratischer Bildungspolitiker versucht Preußen hingegen, die Leitgedanken der Schulreform besonders zielstrebig und umfassend zu verwirklichen. Es bemüht sich um die allgemeine Einführung der Einheitsschule und schafft zusätzliche Chancen für eine höhere Schulbildung durch die 1922 geschaffene deutsche Oberschule und die Aufbauschule. Besonderes Augenmerk richtet das preußische Kultusministerium auf die inhaltliche Gestaltung der Lehrpläne und eine breitgefächerte Ausbildung. Unterrichtsformen wie die der Arbeitsschule und mehr Qualität im Unterricht in den künstlerischen Fächern sollen es den Schülern ermöglichen, durch mehr Selbsttätigkeit ihre Begabungen auszubauen. Hier fließen Erkenntnisse der Reformpädagogik mit ein.

All diese Bestrebungen können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die große Masse der Kinder weiterhin die Volksschule besucht und dort eine nur mangelhafte Schulbildung genießt. Die schlechte wirtschaftliche Lage führt zu Entlassungen unter der Lehrerschaft, so dass die Klassenfrequenzen viel zu hoch sind; häufig besuchen mehr als 40 Schüler eine Klasse. Zudem sind die Volksschulen nur unzureichend mit Lehrmitteln ausgerüstet.

Das allgemeine ökonomische Dilemma zeigt sich auch in der Situation an den Hochschulen und Universitäten. Die nach dem Krieg gewachsenen Studentenzahlen sinken mit der steigenden Armut. In einem Aufruf an die Abiturienten weist der Bund der Deutschen Studentenschaft auf die Not der akademischen Jugend hin. Er fordert die Schulabgänger auf, genau zu prüfen, ob die akademische Laufbahn die einzige Alternative sei, ob es nicht besser wäre, einen Handwerksberuf zu erlernen. Nach einer entbehrungsreichen Studienzeit sei eine Übernahme in die Wirtschaft oft nicht gewährleistet, da der Bedarf an hochqualifizierten Fachkräften sinke. Dagegen steigen die Kosten für das Studium ständig, so dass die Eltern des größten Teils der aus dem Mittelstand kommenden Studenten dies nicht mehr finanzieren können. Über die Hälfte der Kommilitonen müsste sich ihr Studium selbst verdienen. Von diesen sog. Werkstudenten brechen immer mehr ihre Ausbildung vorzeitig ab.