Öffentlichkeit fordert künstlerische Qualität der Reklame

Werbung 1922:

Trotz finanzieller Schwierigkeiten spielt in der gegenwärtig schlechten wirtschaftlichen Lage die Werbung für Industrie, Handel und Dienstleistung in den europäischen Ländern eine wichtige Rolle.

Die hier am meisten verwendeten Werbemittel sind Anzeigen in Zeitungen und Illustrierten sowie Plakate. Neue Techniken hingegen finden verstärkt in den USA Anwendung. Dort werden Flugzeug und Luftschiff für Reklamezwecke eingesetzt, Lichtreklame bestimmt das nächtliche Bild der Großstädte. In Europa fehlen für solche aufwendige Werbung zumeist die Mittel – so setzt z. B. der Magistrat von Berlin eine obere Grenze für den Energieverbrauch fest, um der Stromverschwendung durch Lichtreklame entgegenzuwirken. Ungewohnt für europäische Besucher sind in den USA auch die überdimensionalen Plakatwände (zumeist naturalistisch gestaltet) an den Autostraßen mitten in der Landschaft, die in nur wenigen Sekunden die Aufmerksamkeit der Fahrer in den immer schneller werdenden Kraftfahrzeugen auf sich lenken müssen.

In der Gestaltung des traditionellen europäischen Plakats zu Beginn der 20er Jahre sind z. T. schon Anfänge von künstlerischen Entwicklungen sichtbar, die später in den 50er und 60er Jahren starken Einfluss auf die Gebrauchsgrafik ausüben. Stilrichtungen wie die des Kubismus und Purismus – die Reduzierung des künstlerischen Gegenstands auf seine Grundformen -, des Konstruktivismus und Dadaismus sind dafür charakteristisch.

Die Jahrzehnte überdauernde Qualität der künstlerischen Plakate kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der größte Teil der Werbung ein solches Niveau nicht erreicht und von der Vorstellung einer »Kunstgalerie der Straße« weit entfernt ist. Vertreter künstlerischer Vereine und Schulen sowie die Fachpresse fordern deshalb von den Auftraggebern, dass sie der ästhetischen Gestaltung von Reklameprodukten mehr Aufmerksamkeit schenken. Zu den wichtigsten Auftraggebern gehören u. a. Unternehmen wie die Deutsche Reichsbahn, die Post und städtische Einrichtungen. Sie haben inzwischen erkannt, dass sich mit der Vergabe von Reklameflächen neue Einnahmequellen erschließen lassen. Ihr Mitspracherecht bei der Genehmigung von Werbung wird allerdings oft nur vom finanziellen Aspekt geleitet. Hier Abhilfe zu schaffen, ist z. B. Ziel einer Ausstellung zur Eisenbahn-Reklame im Januar 1922, deren Programm folgende Passage enthält: »Eisenbahnreklame verlangt eine technische, ästhetische und reklamepsychologische Auseinandersetzung mit dem vielfältigen Problem des Verkehrswesens, mit dem besonderen Charakter der Eisenbahn (als Raum- oder Formfrage) überhaupt. Im Zugabteil wird das einzelne Reklamebild nicht mit wilder Grimasse den Reisenden stundenlang quälen dürfen.«

Neben der Wirtschaftswerbung gewinnt seit dem Ende des Weltkriegs das politische Plakat an Bedeutung. Hier sind es vor allem die Expressionisten, die durch ihre suggestive Malerei den Betrachter aufrütteln wollen und auch die mit dem Dadaismus sich durchsetzende Fotomontage. Bemerkenswert während dieser Zeit sind ebenfalls die Arbeiten der sowjetrussischen Konstruktivisten. Die dortige Entwicklung agitatorischer Kunst mit modernen künstlerischen Mitteln beeinflusst nicht nur zeitgenössische westeuropäische Gestalter, sondern auch noch die Propagandisten der linken Bewegung Westeuropas gegen Ende der 60er Jahre.