Technik und Malerei streben empor, das Theater ist skeptisch

Politik und Gesellschaft 1922:

Zu der von Nationalismus und Pessimismus geprägten Politik der Nachkriegszeit bildet die internationale Entwicklung auf technischem und teilweise auch auf kulturellem Gebiet einen ermutigenden Kontrast. Amerika, das infolge der europäischen Stagnation während des Weltkriegs einen enormen Vorsprung vor allem im Bereich der Technik erreicht hat, wird Ansporn für europäischen Erfindergeist. Flugzeug- und Autoindustrie erfahren einen Aufschwung, und die ersten kommerziellen Rundfunksender Europas nehmen ihren Betrieb auf.

Im Bereich der bildenden Kunst dagegen wird Deutschland sehr stark von Sowjetrussland beeinflusst. 1922 findet in Berlin die Erste Russische Kunstausstellung statt, die ein breites Publikum mit den Werken zeitgenössischer russischer Kunst vertraut macht. Vor allem die Konstruktivisten, die ihre abstrakte Kunst in den Dienst der Oktoberrevolution stehen, geben der deutschen Kunst Impulse.

Das Theater wird zum Seismographen eines tiefgreifenden Stimmungswandels: Die durch die Novemberrevolution 1918 geweckten Hoffnungen auf grundlegende gesellschaftliche Veränderungen haben sich nicht erfüllt, die Realität wird als unsicher, chaotisch und brutal empfunden. Bertolt Brecht zeigt sein erstes Theaterstück, »Trommeln in der Nacht«, und Arnolt Bronnens Drama »Vatermord« löst einen Theaterskandal aus.»Vatermord« verdeutlicht den Zweifel der jungen Generation gegenüber jeglichen Idealen und schildert eine unheilbare, von Trieben beherrschte Welt – eine Realitätsauffassung, die auch in der für diese Zeit charakteristischen expressiven Tanzkunst einer Anita Berber oder in den 1922 uraufgeführten Filmen »Dr. Mabuse, der Spieler« und »Nosferatu« sichtbar wird.