Wichtige Entdeckungen für die moderne Kunststoffchemie

Wissenschaft und Technik 1922:

Wie in allen übrigen Bereichen hat die schwierige wirtschaftliche Lage des Deutschen Reiches auch Auswirkungen auf die technischen und wissenschaftlichen Gebiete.

Adolf von Harnack, Theologe und Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, wendet sich deshalb im Dezember in einem in London erscheinenden Appell an die internationale Öffentlichkeit. Er schildert die katastrophalen Zustände in der deutschen Wissenschaft, erwähnt, dass mangels Devisen keine ausländischen Zeitschriften und Bücher mehr eingeführt und kaum mehr wissenschaftliche Artikel gedruckt werden, dass Wissenschaftler, statt zu forschen, sich einen Broterwerb suchen und bereits laufende Projekte abgebrochen werden müssen. Er fordert das Ausland zur Unterstützung auf, denn in der Wissenschaft gäbe es keine Pause. Jeder Wissenszweig könne nur fortleben, wenn er fortschreitet, Stagnation sei gleichbedeutend mit Tod.

Auf technischem Gebiet ist das wohl einschneidendste Ereignis des Jahres die Kommerzialisierung des Rundfunks in Europa. Neu ist hierbei allerdings nur der eigentliche Rund»funk«. Kommerzielle Radioprogramme über Telefonkabel gab es bereits in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Zur Weiterentwicklung der Rundfunktechnik trägt entscheidend der US-amerikanische Radiotechniker Edwin Howard Armstrong durch die Erfindung des Pendelrückkopplungsempfängers bei. Die Rückkopplung betrifft die Signalverstärkung im Empfänger. Ein Teil der Ausgangsleistung des Verstärkers wird wieder an seinen Eingang gelegt. Geschieht das phasengleich (positive Rückkopplung), dann steigt damit der Verstärkungsgrad, und die Trennschärfe zwischen den empfanggebenden Sendern wächst. Armstrong benutzt aber erstmals gegenphasige (negative) Rückkopplung. Damit dämpft er den Schwingkreis und stabilisiert ihn so. Das führt zur Unterdrückung von Nichtlinearitäten in der Verstärkercharakteristik und damit zur besseren Empfangsqualität.

Eine weitere technische Entwicklung erreicht bald eine breite Öffentlichkeit: In Berlin drehen deutsche Ingenieure den ersten Spielfilm mit Lichttonspur. Eine Grundlagenerkenntnis betrifft auch die Elektrotechnik. Im September entdecken zwei US-amerikanische Forscher die Reflexion von Funksignalen bestimmter Wellenlänge an Eisenbetongebäuden. Diese Feststellung hat Auswirkung auf die Entwicklung des Radar. Für die technische Realisierung von Radarortungssystemen bieten sich die im Vorjahr von dem US-Amerikaner Albert Wallace Hull erfundenen elektronischen Laufzeitröhren, die Magnetrons, an.

Für einen Fortschritt in der Werkstoffbearbeitung sorgt der sowjetrussische Ingenieur Kapeljuschnikow: Er erfindet den Turbinenbohrer. Weil die Einheit aus Bohrer und luftstrombeaufschlagtem Turbinenläufer sehr klein gehalten werden kann, ist die bewegte Masse gering. Hohe Drehzahlen lassen sich problemloser erreichen als bei elektrischem Antrieb.

Von größter Tragweite für die organische Chemie ist eine Grundsatzarbeit des deutschen Chemikers Hermann Staudinger, eine Theorie der Polymere, die als Begründung der wissenschaftlichen Makromolekularchemie anzusehen ist und auf der die gesamte moderne Kunststoffchemie fußt. Staudinger lehrt z. Z. in Zürich.