Die deutsche Reisesaison steht im Schatten der Inflation

Urlaub und Freizeit 1923:

Die durch gewaltige Preissteigerungen gekennzeichnete deutsche Wirtschaftskrise des Jahres 1923 lässt die Urlaubsreise zu einem ausgesprochenen Luxus werden. Auslandsreisen waren ohnehin eine Seltenheit, aber die vor dem Weltkrieg in den nun verarmten mittelständischen Kreisen übliche und beliebte Reise in die Sommerfrische im Schwarzwald, an der Nord- oder Ostsee ist für viele unerschwinglich geworden.

Bereits an den bisher nebensächlichen Fahrtkosten kann die Sommerreise scheitern, denn die Reichsbahntarife sind drastisch angestiegen. Gereist wird im Deutschen Reich mit dem Zug; das Automobil oder gar das Flugzeug können sich nur die wirklich Reichen leisten.

Im August betragen die Eisenbahnfahrpreise für die zweite Klasse das Sechzehnfache der Junitarife. Beispielsweise kostet eine Eisenbahnfahrt von Berlin nach Baden-Baden, einem begehrten Reiseziel, am 20. Juli 1 152 000 Mark (Einzelfahrt, zweite Klasse). Am 20. Juli kostet eine Einzelfahrt (zweite Klasse) von Berlin aus nach:

Wer dennoch die Sommerreise antritt, steht wegen der Unsicherheit der Preisgestaltung vor der Schwierigkeit, die voraussichtlichen Reisekosten abzuschätzen. Während der Sommermonate werden die Hotel-und Pensionspreise in den Sommerfrischen, den Bade- und Kurorten wöchentlich neu festgesetzt, d. h. unter den gegebenen Umständen z. T. drastisch erhöht. So kann es dem Urlauber durchaus passieren, dass sich ein Betrag, der bei Antritt der Reise ausreichend erschien, als viel zu gering erweist. Um dem Hotelgewerbe und den Urlaubern die Handhabung dieser Schwierigkeiten zu erleichtern, haben der Reichsverband der Deutschen Hotels und der Deutsche Bäderverband den sog. Hotelindex eingeführt. Einmal pro Woche setzen die beiden Verbände aufgrund der aktuellen Preisentwicklung mit dem Hotelindex einen Multiplikator fest, der mit den sog. Friedenspreisen vor dem Weltkrieg multipliziert wird, wodurch sich die jeweils geltenden Hotel- und Pensionspreise in den Bädern ergeben.

Die Entwicklung des Hotelindexes folgt so der allgemeinen Preisexplosion: Nachdem der erste Index am 7. April auf 2800 festgesetzt wurde, steigt er während der Vorsaison allmählich auf 6600 (16. Juni). Dann treibt die große Teuerungswelle die Hotelpreise in unerschwingliche Höhen. Von 8000 am 23. Juni steigt der Hotelindex auf 11 000 am 30. Juni, um am 14. Juli um mehr als 100% erhöht zu werden (23 000).

Unter den Gästen ruft die enorme Preissteigerung, die vom Hotelgewerbe mit dem außerordentlichen Anstieg der Lebensmittelpreise begründet wird, große Beunruhigung und Ärger hervor.

Im August kommt es wegen der laufend steigenden Urlaubskosten – die Vorkriegspreise der Hotels und Pensionen müssen am 22. August bereits mit 580 000 multipliziert werden – zu einer regelrechten Bäderflucht. Auch das Nachlassen der guten Witterung in den Nord- und Ostseebädern veranlasst viele Touristen zur plötzlichen Abreise. Einzelne Badeorte gefährden ihren guten Ruf mit der Überhöhung der ohnehin kaum erschwinglichen Preise. So werden z. B. in Westerland auf Sylt im August für Rasierwasser im Hotel 40 000 Mark, für eine Tasse Kaffee mit einem Stück Kuchen 800 000 Mark, für ein Ei 650 000 Mark und für eine Portion Bratkartoffeln mit Rührei eine Million Mark verlangt.

Wer sich im Krisenjahr 1923 die kostspielige Reise in die Sommerfrische nicht mehr leisten kann – das betrifft die Angehörigen des Mittelstands, für die vor dem Weltkrieg eine Sommerreise durchaus erschwinglich war (Arbeiter konnten sich auch damals keine Urlaubsreisen leisten) -, findet in der Presse Anregungen zu einer alternativen Feriengestaltung.

So empfiehlt z. B. das Berliner Blatt »Vossische Zeitung« unter der Rubrik »Wenn jemand keine Reise tut« die städtischen Parkanlagen als Ersatz. Die Ausgestaltung der Berliner öffentlichen Gartenanlagen durch die Stadt habe während der vergangenen Jahre einen mächtigen Aufschwung erfahren. Mit ihren Sport- und Spielplätzen, Baumanlagen und Tummelwiesen, Planschbecken und Ruhebänken hätten die öffentlichen Parks Angebote für die ganze Familie.

Des Weiteren bietet sich für die zurückgebliebenen Städter als Lösung die Wochenendfahrt in die nähere Umgebung an, die sich mit Nahrungsmitteleinkäufen verbinden lässt. Dieser Aspekt gewinnt angesichts der Lebensmittelknappheit besonders in den Großstädten zunehmend an Bedeutung. Die Hamsterfahrt tritt an die Stelle der Urlaubsreise, wie folgender »Reisetip« der »Vossischen Zeitung« für die Berliner Leser zeigt:

»Indessen am verlockendsten ist eine Reise durch die Mark [Brandenburg] für den, der nur auszieht, um Küche und Keller, Schrank und Speisekammer zu füllen. Sie kann geradezu als Dorado für jede Art von Hamsterfahrt gelten … Gewiß, der enge Umkreis unserer engeren Heimat ist eine große, große Speisekammer …« Mit gewissen Preisnachlässen – es gibt die Sonntagsrückfahrkarte und die Wochenendkarte – unterstützt die Eisenbahnverwaltung diese Wochenendreisen und Hamsterfahrten in die nähere Umgebung der Großstädte.

Chroniknet