Neues Bauen – orientiert an der Funktion und am Material

Architektur 1923:

Die internationale Architekturszene ist bestimmt von der in zahlreichen Programmen, Manifesten und Aufrufen aufgestellten Forderung nach einer funktionsgerechten, an der Beschaffenheit des verwendeten Materials orientierten Bauweise. Nicht nur das Bauhaus, sondern alle modernen Stilrichtungen sehen die Architektur im Zusammenhang mit den anderen Künsten auf der einen, mit Handwerk, Technik und Industrie auf der anderen Seite.

So heißt es z. B. in der ersten These vom »Manifest V« der niederländischen Künstlergruppe »De Stijl«, das 1923 im Zusammenhang mit einer Ausstellung von Architekturmodellen in Paris veröffentlicht wird: »In enger Zusammenarbeit haben wir die Architektur als eine aus allen Künsten, aus Industrie und Technik gebildete plastische Einheit geprüft und festgestellt, daß sich als Resultat ein neuer Stil ergeben wird.« Oskar Schlemmer schreibt in seinem Manifest zur Bauhaus-Ausstellung: »Der Baugedanke soll die verlorene Einheit wiederbringen, die in einem versackten Akademikertum und einem verbosselten Kunstgewerbe zugrunde ging; er soll die große Beziehung aufs Ganze wiederherstellen und in einem höchsten Sinn das Gesamtkunstwerk ermöglichen.«

Einigkeit herrscht auch darin, dass die Architektur sich an »objektiven« und »universalen« Gesetzen zu orientieren habe, denen gegenüber die subjektive Willkür in den Hintergrund zu treten habe. Der Baumeister habe sich als Ingenieur zu verstehen, müsse jedoch einen mechanistischen Ansatz durch Besinnung auf die Sprache der Architektur, auf die Grundkategorien Raum, Zeit, Proportion und die einfachsten geometrischen Formen überwinden. Werner Graeffs enthusiastisches Bekenntnis zur neuen Architektur, veröffentlicht in der ersten Nummer der Zeitschrift »G« (Juli 1923), lautet: »Jetzt wächst die neue Ingenieurgeneration heran! Das bedeutet: Vollendung zunächst – dann Ende der mechanistischen Technik … [es] entsteht die neue großartigere Technik der Spannungen, der unsichtbaren Bewegungen.«

»Die Baukunst, als Sache der Formensprache, muß … sich jener Elemente bedienen, die fähig sind, auf unsere Sinne zu wirken und die Wünsche unserer Augen zu erfüllen; sie muß mit diesen Elementen auf solche Weise schalten, daß ihr Anblick uns eindeutig anrührt durch Feinheit oder Brutalität, durch Aufruhr oder heitere Ruhe, durch Gleichgültigkeit oder Interesse … Diese Formen, primär oder verfeinert, voll Zartheit oder brutaler Kraft, wirken physiologisch auf unsere Sinne (Kugel, Würfel, Zylinder, Waagerechte, Senkrechte, Schräge usw.) und beziehen sie in ihre eigene Bewegung hinein«, formuliert Le Corbusier in dem Buch »Auf dem Wege zu einer Architektur«, das 1923 veröffentlicht wird. In dem Doppelhaus La Roche-Jeanneret in Auteil, das er 1923 mit seinem Bruder Pierre Jeanneret vollendet, hat er diese Prinzipien praktisch umgesetzt.

Erich Mendelsohn – von ihm werden 1923 u. a. die Hutfabrik Friedrich Steinberg in Luckenwalde und das Haus Dr. Sternfeld in Berlin gebaut – stellt Form und Funktion in einen Zusammenhang.

Chroniknet