Verkehrsmittel der Zukunft – das Auto und das Flugzeug

Verkehr 1923:

Kennzeichnende Entwicklungen für das Verkehrswesen im Jahr 1923 sind der Ausbau der zivilen Luftfahrt und die zunehmende Motorisierung des Straßenverkehrs. Damit deutet sich eine grundlegende Veränderung des Personen- und Gütertransports in den kommenden Jahren an. In allen Bereichen des motorisierten Straßenverkehrs zeigen die Statistiken erhebliche Zuwachsraten. So sind im Deutschen Reich 1923 insgesamt 100 340 Pkw (1922: 82 692 ) zugelassen. Zumeist wohlhabende Großstädter leisten sich den Luxus eines Autos, der für einen Großteil der Bevölkerung unerschwinglich ist. Rund 15% der deutschen Pkw sind in Berlin gemeldet, die z.T. den angestammten Pferdedroschken als Taxen (Kraftdroschken) Konkurrenz machen. Auf den Straßen des Deutschen Reichs verkehrt neben den Pkw auch eine wachsende Zahl von Motorrädern (1921: 26 666 , 1923: 59 389 ) und Lkw (1921: 30 267 , 1923: 51 736 ).

Die unaufhaltsame Motorisierung des Straßenverkehrs macht diesbezügliche Regelungen notwendig. So setzt das Reichsverkehrsministerium am 1. März die Geschwindigkeitsbegrenzung für den Autoverkehr in Ortschaften auf 30 km/h (bisher 15 km/h) fest und führt am 15. März eine Regelung für die Zulassung von Lkw ein.

Gegenüber anderen Ländern, besonders den USA, befindet sich die deutsche Entwicklung des Autoverkehrs erheblich im Rückstand. Bereits 1919 gab es in den Vereinigten Staaten 6,75 Millionen Kraftfahrzeuge, und im Jahr 1923 sind 13 479 608 Pkw sowie 1 612 569 Lkw registriert. Aufgrund der erstmals von dem Automobilhersteller Henry Ford eingesetzten billigen Produktionsmethoden – das erfolgreiche Modell T ist das erste in Großserie hergestellte Automobil – ist das Auto in den Vereinigten Staaten auch für die Durchschnittsfamilie erschwinglich geworden. In Chicago werden die ersten Parkplätze eingerichtet, die sog. Freiluft-Garagen. Pferdedroschken verkehren in US-amerikanischen Städten so gut wie gar nicht mehr, während sie aus dem Straßenbild deutscher Städte kaum wegzudenken sind. Trotz der allgemein schwierigen Betriebsbedingungen und der gravierenden Eingriffe vonseiten der Alliierten, gemäß dem Versailler Vertrag (1919), bauen die deutschen Luftfahrtgesellschaften seit 1919 ein laufend expandierendes Liniennetz für den zivilen Luftverkehr auf, wobei der nationale Flugverkehr zunächst Vorrang hat.

Mehr noch als das Verbot von Fliegertruppen und Luftschiffen für militärische Zwecke (Art. 198) und die Auslieferung oder kontrollierte Zerstörung sämtlichen militärischen Luftfahrtgeräts (Art. 202) behindert der Artikel 201 des Versailler Vertrags den Aufbau der zivilen Luftfahrt im Deutschen Reich. Diese Bestimmung verbietet die Herstellung und Einfuhr von Luftfahrzeugen und Flugmotoren. Zwar war dieses Verbot auf sechs Monate nach Vertragsabschluss befristet. Das Londoner Ultimatum vom 5. Mai 1921 erneuerte jedoch die Bestimmungen gegen den deutschen Flugzeugbau: Einstellung des gesamten Flugzeugbaus, Zerstörung der im Bau befindlichen Maschinen. Um diesen Bestimmungen, die bis zum 5. Mai 1922 bestehen blieben, dann durch Baubeschränkungen ersetzt wurden, zu entgehen, errichteten deutsche Herstellerfirmen Produktionsstätten im Ausland, so z. B. Junkers in Danzig, Reval und Moskau-Fili.

Nachdem seit 1919 ein dichtes nationales Flugliniennetz entstanden ist, werden 1923 wichtige internationale Linien eingerichtet. Am 3. Mai beginnt der regelmäßige Flugverkehr zwischen Berlin und London, die Linie München-Wien wird am 14. Mai eröffnet (Gründung der Österreichischen Luftverkehrs AG am 3. Mai), und am 16. Juli wird die Verbindung München-Budapest eingerichtet. Bereits seit dem 1. Mai 1922 sind Königsberg und Moskau durch regelmäßigen Flugverkehr verbunden, eine wegen der ungünstigen Witterungsverhältnisse allerdings nur während der Sommermonate beflogene Linie.

Der zivile Luftverkehr im Deutschen Reich wird von zwei Luftverkehrsunternehmen kontrolliert, die sich auf denselben Strecken einen harten Konkurrenzkampf liefern. Auf der einen Seite steht die am 6. Februar in Berlin gegründete Deutsche Aero Lloyd AG, eine Vereinigung des größten Luftverkehrsunternehmens Deutsche Luft Reederei (DLR) mit den kleineren Unternehmen Deruluft und Lloyd Luftdienst. An diesem Verkehrsunternehmen sind auch 20 Industriefirmen, vier Handelsgesellschaften, zwei Schifffahrtslinien und 39 Banken beteiligt.

Das Konkurrenzunternehmen Junkers-Werke, Abteilung Luftverkehr, dessen Wettbewerbsfähigkeit u. a. auf der Leistungsfähigkeit der Junkers-Maschinen beruht, wurde am 1. Januar 1922 gegründet.

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