Wohnungsmangel – aber Ansätze zu modernem Bauen

Wohnen und Design 1923:

Das Jahr 1923 bringt keine Entspannung für den deutschen Wohnungsmarkt. Durch massive staatliche Maßnahmen (Wohnungszwangswirtschaft, Mietpreisbindung) kann die Wohnungsnot der Nachkriegsjahre allenfalls gelindert, aber nicht behoben werden, da die Bautätigkeit aufgrund der ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse weit hinter dem Bedarf zurückbleibt.

Gleichzeitig sind unter dem maßgeblichen Einfluss der funktionalen Bauhaus-Architektur die Anfänge des modernen Wohnungsbauprogramms der folgenden Jahre zu verzeichnen. Vorreiter dieser Kampagne ist die Stadt Wien, deren Senat am 21. September beschließt, in den nächsten fünf Jahren Gemeindebauten mit insgesamt 25 000 Wohnungen errichten zu lassen. Für die geplanten Großsiedlungen sind die Prinzipien der neuen Architektur (Zweckmäßigkeit und Sachlichkeit) maßgeblich. Kennzeichen dieser Bauten ist neben den äußeren Merkmalen (Flachdächer, Rechtwinkligkeit) ihr sozialer Aspekt. Durch wirtschaftliche Baumethoden sollen die Mieten niedrig gehalten werden, großzügige Gartenanlagen und Balkons steigern die Wohnqualität.

Im Deutschen Reich ist das erste bahnbrechende Projekt dieser Art die von Otto Haesler gebaute Siedlung Italienischer Garten in Celle bei Hannover.

Beeinflusst von dem funktionalen Stil entsteht auch ein modernes Industriedesign, das zweckmäßige Lösungen für das propagierte neue Wohnen zu entwickeln beginnt. Diese zukunftsweisenden Impulse und Projekte haben 1923 noch keine Auswirkung auf die Masse der deutschen Bevölkerung. Besonders in den Großstädten lebt ein Großteil der Bevölkerung aufgrund der Wohnungsnot in äußerst beengten Verhältnissen.

Dem wachsenden Bedarf, der u. a. durch die Zunahme der Eheschließungen (1913: 513 283 , 1920: 894 978 ) entstanden ist, steht die niedrige, weit unter dem Vorkriegsstand liegende Bautätigkeit, die durch inflationierende Baukosten gehemmt wird, gegenüber. Im Jahr 1913 wurden im Deutschen Reich 200 000 Wohnungen fertiggestellt, bis 1922 stieg die Zahl nach dem Tiefpunkt im Jahr 1919 (60 000) auf 154 000 an, sinkt jedoch im Inflationsjahr 1923 auf 118 000 ab.

Um der aus dem Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage resultierenden Notlage entgegenzuwirken, führte der Staat am 23. September 1918 die Wohnungszwangswirtschaft ein, die am 26. Juli 1923 durch das Reichswohnungsmangelgesetz wegen der Proteste der Hausbesitzer gelockert wird. Danach dürfen die Wohnungsämter keine Zwangseinweisungen mehr vornehmen, außerdem werden Neubauten von der öffentlichen Verteilung der Wohnungen ausgenommen.

Das Reichsmietengesetz (24. 3. 1922) legt niedrige gesetzliche Höchstmieten fest.

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