Großstädte wollen moderne Wohnsiedlungen errichten

Wohnen und Design 1924:

Im Deutschen Reich, insbesondere in Berlin und Frankfurt, werden die Weichen für eine moderne Wohnungsbaukampagne gestellt. Nachdem in den Kriegs- und Nachkriegsjahren die Neubautätigkeit praktisch zum Erliegen gekommen war, nehmen die Kommunen unter den 1924 stabilisierten Währungsverhältnissen diese zentrale sozialpolitische Aufgabe in Angriff. Den sozialen Wohnungsbau der kommenden Jahre prägt die funktionalistische Bauweise.

Vorbild ist Wien, wo mit dem Matzleinsdorfer Hof im 5. Gemeindebezirk bereits der erste Abschnitt des mit einer Wohnbausteuer finanzierten Gemeindebauprogramms (225 000 Wohnungen) fertiggestellt ist. Preußen führt am 1. April 1924 die Hauszinssteuer ein. Durch Besteuerung der Altwohnungen – 16% der Miete – will man Mittel zur Förderung des Wohnungsbaus gewinnen. Zur Überwachung der Geldvergabe wird in Berlin die Wohnungsfürsorgegesellschaft gegründet. Knapp zwei Drittel der in Berlin von 1924 bis 1929 errichteten Wohnungen (insgesamt rd. 100 000 ) werden von öffentlich geförderten gemeinnützigen Wohnungsbauunternehmen errichtet. Bestimmend ist die 1924 von Martin Wagner gegründete und gewerkschaftliche GEHAG (Gemeinnützige Heimstätten-, Spar- und Bau-Aktiengesellschaft). Ihr Hauptziel sind niedrige Mieten durch Entwicklung wirtschaftlicher Bautechniken. Führender GEHAG-Architekt wird Bruno Taut, der u. a. die Großsiedlung Britz (1925 – 1927) baut.

In Frankfurt/ Main steht die Wohnungsbaukampagne unter der Leitung von Stadtplaner Ernst May, seit 1925 Stadtbaurat. Sie wird einheitlicher als in Berlin geplant. Rund um den Stadtrand sollen die Siedlungen entstehen. Als Vorbilder wirken u. a. die Gartenstädte in Holland. Die erste großzügige Bauanlage dieser Art im Deutschen Reich ist Otto Haeslers Siedlung Georgsgarten in Celle (1924 – 1926). Längst nicht alle Wohnsiedlungen werden von modernen Architekten wie Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe gebaut. Die Prinzipien der funktionalistischen Bauweise, die wirtschaftliche, soziale und ästhetische Kriterien vereinbaren will, finden gleichwohl breite Anwendung: Wirtschaftlichkeit des Bauplans und der Baumethoden, Licht, Luft, freier Raum, Gärten oder Balkons sowie gemeinschaftliche Einrichtungen (z. B. Waschküchen).

Folgende Anforderungen gelten für Berliner Neubauwohnungen: Maximale Wohnungsgröße 140 m2, Mindestraumgrößen: ein Zimmer 20 m2, jedes weitere Zimmer 12 – 24 m2, eine Schlafkammer 6 m2 und die Küche 10 m2. Ferner sind obligatorisch Gas- und Elektroanschluss, ein Bad mit Warmwasser, ein Balkon und mindestens ein durchsonntes Zimmer ist ebenfalls gefordert. Dies ist gegenüber den Mietskasernen, bisher typisch für das städtisch-proletarische Wohnen, ein enormer Fortschritt.