Luxus und Extravaganz nach harten Kriegs- und Krisenjahren

Mode 1924:

Während sich die wirtschaftliche Lage im Deutschen Reich 1924 langsam stabilisiert, gefallen sich die Kreise, die es sich leisten können, in der Zurschaustellung von Reichtum und Extravaganz.

»Ohne Straß-Stickerei, glitzernde Perlfransen, Stahlperlen und Straußenfedernabschluß kann man sich nichts mehr vorstellen. Die Abendkleider werden durch die Verzierung ungemein schwer, aber das ist gerade günstig. Dadurch liegen sie fest an und werden gleichzeitig nach unten gezogen. Sie bekommen den erstrebten hauthaften Charakter … Man wird sich daran gewöhnen müssen, daß die Abendkleider durchweg ärmellos sind.« (»Elegante Welt« vom 8. Oktober 1924) Dem Hang zur Extravaganz schließen sich die Stoffe an: Es gibt Spitzenkleider, Stoffe aus Gold- oder Silberlamé, broschierte Seide und Velours-Chiffon.

Diese Stoffe und Verzierungen werden für Abendkleider und Abendmäntel verwendet. Die abendlichen Hüllen sind weit und stets knopflos, so dass man sie nicht anzieht, sondern sich in sie drapiert und die linke Hand den Mantel zusammenhält.

Selbst vor den Abendschuhen macht der Reichtum nicht halt. »Silberbrokatschuhe mit blauen Straußenfedern und einer mit bunten Steinen besetzten Schnalle oder >Goldkäferschuhe< aus vergoldetem Leder und mit Straß besetztem, hohem Absatz und ebensolcher Spange« gelten als apart.

»Man geht nicht mehr, ohne vorher Toilette gemacht zu haben, ins Theater; obgleich sich der Grad der Eleganz mit dem Platz abstuft. Im ersten Rang geht man nicht ohne Hut, während in der Loge ein Bandeau aus Perlen oder ein Stirnband mit Straußenfedernschmuck adäquat ist.« Dennoch muss nicht alles echt sein, was glänzt. Juwelenimitationen, Jett und Strass sind durchaus legitim und wer sich die teuren Stoffe nicht leisten kann, wie die Mehrheit der Bevölkerung, greift zur Kunstseide. Wenigstens der Schein von Reichtum soll aufrechterhalten werden.

Gegenüber den abendlichen Fantasien ist die Tageskleidung eher einfach und sportlich. Die geraden, stoffsparenden Etuikleider oder Fourreaus sind nun weniger gefragt als die durch »ausschwingende Godets [Stoffeinsätze] bewegte Linie«. Die Taille bleibt tiefliegend, aber der Saum wird kürzer, das heißt nach der knöchellangen Mode von 1923 wieder wadenlang.

Eine schlanke, sportliche Figur ist in jedem Fall wichtig, obgleich sich die Zeitgenossinnen eingestehen müssen, dass diese nicht die Norm ist. »Da nicht jede Dame die Korsettlosigkeit mitmachen kann, gibt es Gummigürtel, die man als segensreiche Erlösung von Einschnürung und drückenden Stäben betrachten muß. Der Gummistoff ist außerordentlich geeignet, um als Formbeherrscher zu wirken; er gestattet jede Bewegung.«

Auch der Herr hält sehr viel auf dem Anlass entsprechende Kleidung. Tagsüber trägt der Herr einen leger geschnittenen, nur leicht taillierten Sakkoanzug. Als offizieller Tagesanzug gesellt sich der Stresemann hinzu, den Reichsaußenminister Gustav Stresemann populär macht. Selbstverständlich sind weiterhin der Cutaway, Smoking und Frack, während der Gehrock an Popularität verliert. Ebenso vielgestaltig wie die Anzüge sind die Mäntel. Der wohlhabende Herr trägt einen Stadt- oder Abendpelz mit Bisam, Nerz oder Zobel gefüttert. Zum Golf, Wandern oder Jagen trägt der Herr Plusfours (eine etwas weitere Knickerbocker) und Norfolk-Jacke.