Neu für deutsche Rundfunkhörer: »Inserate aus der Luft«

Werbung 1924:

Mit dem Rundfunk kommt der Werbefunk. Wenige Monate nach der ersten Rundfunksendung im Deutschen Reich im Oktober 1923 gibt die Reichspost im Mai 1924 ihre Zustimmung zu Werbeeinblendungen im Programm »in mäßigem Umfange und allervorsichtigster Form«. Die Deutsche Reichs-Postreklame GmbH, eine Tochtergesellschaft der Reichspost, wickelt das Geschäft ab. Verboten sind politische und religiöse Werbung. Ferner darf für alkoholische Getränke, Vergnügungsstätten, Rundfunkgeräte, Tageszeitungen und Programmzeitschriften keine Reklame gemacht werden. Die Sender bringen sog. Reklame-Rundsprüche, aber auch Werbevorträge.

Bis zuletzt haben die Zeitungs-Verleger den Werbefunk bekämpft und ein Verbot des Radio-Inserats gefordert. Sie fürchten die Konkurrenz des sich rasch ausbreitenden, neuen Massenmediums: Die Zahl der deutschen Rundfunkteilnehmer schnellt von rund 1500 Anfang des Jahres auf 549 000 Ende 1924. Über die »Inserate aus der Luft« mokieren sich die Verlage, bevor sie überhaupt gesendet werden. In der »Frankfurter Zeitung« vom 9. Februar erscheint unter diesem Titel folgender Artikel (Auszüge):

»Jetzt haben wir seit ein paar Monaten den Rundfunk. Aber es ist beinahe ein Wunder, daß wir auf Welle 400 noch nicht zu hören bekommen, wohin wir uns zu wenden haben, wenn uns die Hühneraugen drücken … Nun ist die drahtlose Telefonie … nicht erfunden worden, um für die Kaufleute propagandistisches Neuland zu erobern. Aber da man auf so bequeme Art das Gute mit dem Praktischen verbinden kann, wird die Post kaum das Herz haben, auf diese Einnahmequelle … zu verzichten, und sie wird nicht viel danach fragen, ob es uns recht ist oder nicht. Durch den Äther wird eine Stimme an unser Ohr kommen, sie wird uns eine spannende Geschichte erzählen. Und wenn wir dann heimlich auf die Pointe brennen, wird es heißen: sie umarmten sich und küßten sich; er schlürfte ihren Atem wie Kognak, denn sie hatte vorher einige Ideal-Tabletten zur Beseitigung üblen Mundgeruchs zu sich genommen. Es wird von der Phantasie und dem dichterischen Schwung der Reklamechefs abhängen, uns jedes Mal bis zum Schlußeffekt in Stimmung zu halten. Denn wenn wir vorher den Hörer [Rundfunk wird mit Kopfhörer gehört] abnehmen, hat die ganze Geschichte keinen Sinn … Damit die für Reklamezwecke verkaufte Luft sich für den Kaufmann auch gut bezahlt macht, wird er vielleicht dazu übergehen, Herrn Hans Reimann [Schriftsteller] oder den Dichter Joachim Ringelnatz zu bitten, ihm einige wirksame Rundfunkverse auf seine prachtvolle Sprungfedermatratze zu fabrizieren, beziehungsweise einen Witz auszutüfteln, weshalb gerade diese Gummisauger von den Babys am meisten bevorzugt sind … Das sind alles gar keine lustigen Phantasien. Wir werden es bald erleben.«

Ebenfalls große Beachtung findet eine Filmplakatausstellung in Berlin, die Anfang des Jahres von der Berliner Filmindustrie unter dem Protektorat von Reichskunstwart Edwin Redslob (1920 – 1933) veranstaltet wird. Sie erfüllt nicht ganz die angesichts des hohen Niveaus des deutschen Industrieplakats gehegten Erwartungen. In der Tagespresse ist zu lesen: »Man sieht nun in der Filmplakatausstellung nur Anläufe zu guter Plakatwirkung. >Künstlerisch<, das heißt: eine gebändigte Form der Wirksamkeit zu finden, das gelang dem deutschen Industrieplakat besser als dem französischen und dem italienischen. Deutsche Plakatzeichner sind in den letzten Jahren in Amerika zu hohem Ansehen gelangt. Die deutsche Trickreklame ist ein heiteres, manchmal geistreiches Kunstgewerbe geworden. Die Filmreklame, von der sich die Industrie viel erhofft hat, ist nicht auf der Höhe.« Plakate von bekannten Zeichnern wie Walter Trier (später Illustrator der Kinderbücher von Emil Kästner) und Fritz Koch-Gotha (Karikaturist der »Berliner Illustrirten Zeitung«) überzeugen »an sich«, nicht so sehr jedoch als Werbung für diesen oder jenen Film.

Als erstes Land befreit sich Großbritannien vom Unwesen der sog. Strecken- oder Kilometer-Reklame. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung geben die beiden größten Petroleumfirmen Anfang 1924 bekannt, nunmehr auf jede Streckenreklame als »unschön und überflüssig« verzichten zu wollen. Es handelt sich um die auch im Deutschen Reich verbreitete Methode, »allerlei Waren auf hohen Brettergerüsten anzupreisen, die an Eisenbahnlinien, an Chausseen, an Flußufern, Meeresküsten u. a. die Landschaft weithin verschandeln.« Bevorzugter Standort für diese Art von Reklame sind Tankstellen.