Streit um Reisen ins Ausland

Urlaub und Freizeit 1924:

Die Verordnung über Ausreisegebühren, die Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) auf Vorschlag der Reichsregierung am 3. April erlässt, stößt vor Beginn der Hauptreisezeit auf energische Ablehnung. Man fühlt sich um den ersehnten Sommerurlaub im Ausland betrogen, denn nur wenige können die 500 Goldmark Ausreisegebühr pro Person zusätzlich zu den ohnehin hohen Reisekosten aufbringen.

Zweck der Verordnung ist, die seit Beginn des Jahres wieder deutlich ansteigende Zahl deutscher Auslandsreisender möglichst stark einzuschränken. Zur Begründung dieser unpopulären Maßnahme wird auf die Klagen des Auslands über »schwelgerische Ausschreitungen« deutscher Reisender hingewiesen. Außerdem belaste die Zunahme der Auslandsreisen den Devisenmarkt und sei bedrohlich für die Währungsstabilität.

Kritiker sehen, was das erste Argument angeht, gerade die gegenteilige Wirkung. »Einfach grundsätzlich 500 Goldmark zahlen zu lassen, heißt doch ein Privileg auf Auslandsreisen für Reiche und für Schieber zu schaffen …« (»Vossische Zeitung«, Berlin). Gerade für die neureichen Luxusreisenden, die das deutsche Ansehen im Ausland schädigten, wären die Gebühren kein Hindernis. Für den inflationsgeschädigten Mittelstand jedoch »bedeuten 500 Goldmark an Gebühren das Reiseverbot«. Die »Frankfurter Zeitung« schlägt die Staffelung der Reisegebühren nach der Einkommenssteuer vor.

Besonders in der Schweiz war die Diskrepanz zwischen dem luxuriösen Leben deutscher Winterurlauber und der Notwendigkeit von Auslandsspenden für die notleidende deutsche Bevölkerung moniert worden. Die Zahl der deutschen Touristen in Italien (geschätzt 70 000 ), in der Schweiz, in Spanien und Portugal übersteigt im Frühjahr 1924 die Durchschnittszahlen aus der Zeit vor dem Weltkrieg bei Weitem.

Wegen der vehementen öffentlichen Kritik wird die Gebühr für Auslandsreisen schon vor Beginn der Hauptsaison mit Wirkung vom 18. Juni wieder aufgehoben.

Dennoch verreisen die Deutschen im Jahr 1924 überwiegend innerhalb der Reichsgrenzen. Beliebte Reiseziele für die Sommerfrische liegen an Nordsee- (Westerland auf Sylt) und Ostseeküste (Swinemünde, Kurische Nehrung), am Rhein, in Franken, im Schwarzwald (Baden-Baden) und in Thüringen. Insgesamt verzeichnen die Bäder steigende Urlauberzahlen. Bad Tölz erfreut sich im Sommer 1924 eines besonders großen Besucherandrangs; die Gesamtzahl der Urlauber beträgt bis Anfang August 11 202 Personen. Karlsbad verzeichnet für die Saison 1924 ein Plus von 12 000 Personen gegenüber 1923.

Wer sich eine Auslandsreise leisten kann, wählt zumeist Ziele in Österreich, Italien oder der Schweiz. Wer die See vorzieht, reist meist in eines der reizvollen Bäder an der Nordseeküste der Niederlande:

»Starkes Leben spielt sich am Strande von Scheveningen ab, erstklassige Hotels genügen hier den höchsten Ansprüchen … Zaandvoort ist das Ideal der Kinder … Ein Paradies der Vogelliebhaber ist die Insel Texel … Auf Terschelling und Ameland können die Botaniker und Naturfreunde viele interessante Studien machen …«, so das »Bäder-Blatt der Frankfurter Zeitung« am 17. August. Wenig attraktiv sind Reiseziele im Deutschen Reich derzeit für Touristen aus dem Ausland, was vorrangig auf den allgemeinen Visumzwang zurückgeführt wird. Der deutsche Fremdenverkehr kämpft hart um die Wiederherstellung seines durch Krieg und Inflationszeit beeinträchtigten Renommees. Die Preisexplosion 1923 hatte einen dramatischen Urlauberschwund zur Folge. Im Sommer 1924 können die Preise wieder gedrückt werden.