Als Schwerpunkt Städtebau

Als Schwerpunkt Städtebau
Der Behrens-Bau mit Turm, Verwaltungsbau. By Eva K. (Eva K.) [GFDL 1.2 or FAL], via Wikimedia Commons

Architektur 1925:

Stichworte wie Expressionismus, Traditionalismus, Organische Architektur und Rationalismus sind Ausdruck der Experimentierfreudigkeit einer nach zeitgemäßen Formen suchenden Architektengeneration. 1925 stellt z. B. der deutsche Architekt Peter Behrens das an den expressionistischen Stil angelehnte technische Verwaltungsgebäude der Farbwerke in Frankfurt-Höchst fertig. Beendet wird auch das von dem Deutschen Hugo Häring entworfene Gut Gerkau bei Lübeck. Mit seinen unregelmäßigen, aus den Funktionen abgeleiteten Grundrissformen ist es ein Beispiel für organisches Bauen. In Barcelona zieht die Kathedrale »Sagrada Familia«, das Hauptwerk des Katalaniers Antoni Gaudí y Cornet, Interessierte aus ganz Europa in ihren Bann. In Anlehnung an Strukturformen der Natur schuf Gaudí einzigartige Bauwerke, die eine Einheit aus Raum, konstruktiver Ausführung und Dekor bilden.

Der Schwerpunkt architektonischer Bestrebungen in jenen Jahren liegt jedoch im Städtebau. Eine Tatsache, die sich zwangsläufig aus der akuten Wohnungsnot in den Großstädten ergibt. Bei der Erarbeitung städtebaulicher Konzeptionen machen sich europäische Architekten und Städteplaner Erfahrungen ihrer US-amerikanischen Kollegen zunutze. Auf der Internationalen Städtebaukonferenz vom 20. bis zum 25. April in New York informieren sich die Teilnehmer über das Problem des enormen Wachstums in den Metropolen der USA, das jenes in den europäischen Städten weit übertrifft. So verzeichnet z. B. Detroit jährlich einen Zuwachs von 100 000 Einwohnern, von denen jeder dritte Besitzer eines Autos ist. Unkontrolliertes Bauen, überhöhte Grundstückspreise, überfüllte Wohnungen und Straßen sowie Mangel an Grünflächen sind nur einige der Probleme, die sich daraus ergeben. Im Rationalismus sehen die Architekten die Möglichkeit, der städtebaulichen Problematik Herr zu werden. Der architektonische Rationalismus – im deutschen Sprachgebrauch bezeichnet man ihn als Funktionalismus – bedeutet funktionales Bauen mit den neuen Materialien Stahl, Glas und Beton und mit Hilfe moderner industrieller Fertigung. Der Begriff beinhaltet auch eine ideologische Komponente: Die Vorstellung, dass in einer progressiv und klar gestalteten Umwelt das menschliche Verhalten in fortschrittliche, bewusste Bahnen gelenkt würde.

Das rekonstruierte Bauhaus-Gebäude in Dessau. Das Bauhausgebäude entstand 1925 bis 1926. © Foto Josef Höckner, München

Das rekonstruierte Bauhaus-Gebäude in Dessau. Das Bauhausgebäude entstand 1925 bis 1926. © Foto Josef Höckner, München

Eine Theorie, die u. a. Walter Gropius im »Bauhaus«-Konzept als dessen Leiter vertritt. Bedeutendster Städtebautheoretiker des Rationalismus ist der schweizerisch-französische Architekt Le Corbusier. Typisch für seine Entwürfe sind geometrische, orthogonale Stadtraster, Hochhäuser als einfache oder kombinierte Scheiben, gut durchlüftete und besonnte Wohnmaschinen mit integrierten Wohnfolgeeinrichtungen; großzügige Grünflächen zwischen den einzelnstehenden Bauten; getrennte Verkehrserschließung für Fahrzeuge (großmaschiges Netz von Schnellstraßen) und für Fußgänger (feinmaschiges Netz von Wegen). Die Hauptfunktionen der Stadt – Wohnen, Arbeiten, Erholung und Verkehr – sind voneinander getrennt. 1925 entwickelt Le Corbusier eine Studie (Plan Voisin) für die Umgestaltung des Stadtzentrums von Paris. Darin ersetzt er die historisch urbane Struktur durch 18 jeweils 200 m hohe Wolkenkratzer. Solcherart abstrakter rationalistischer Idealismus erfährt Milderung durch die Zwänge der Realität. Umsetzung in der Praxis finden grundsätzliche soziale und formale Elemente in den Großsiedlungsbauten, die z. B. in Wien, Frankfurt am Main, Hoek van Holland und Berlin entstehen. Eine der bekanntesten ist die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz, mit deren Bau in diesem Jahr begonnen wird. Rund um einen kleinen See soll eine hufeisenförmige Häuserzeile angelegt werden, die dieser Siedlung den Namen gibt. Von diesem Mittelpunkt gehen strahlenförmig Wohnstraßen ab. Architekt Bruno Taut und Stadtbaurat Martin Wagner vereinigen hier die typischen Merkmale einer Großsiedlung: Randbebauung an der Straße, großflächige Hofräume, ein Zentrum als Bezugspunkt und einheitliche Gestaltung der Architektur und Fassaden.