Gesunde Ernährung durch mehr Fleisch

Ernährung, Essen und Trinken 1925:

Anziehungspunkt für Hunderttausende von Interessenten ist die vom 24. Oktober bis 4. November stattfindende »Internationale Kochkunstausstellung« in Frankfurt am Main. Der Andrang ist groß; bereits nach dem zweiten Veranstaltungstag gab es dreimal so viele Besucher wie 1911 während der gesamten Messedauer. Neben Gastwirten, Hoteliers und Köchen sind es vor allem Hausfrauen, die sich über neue Techniken in der Speisenherstellung, moderne Geräte und das Raffinement einer luxuriösen Küche informieren. Das Bedürfnis nach kulinarischen Genüssen steigt, denn, so schreibt ein Journalist, »die Küche des guten Gasthauses, des komfortablen Hotels dokumentiert, daß die Zeiten der Ersatzstoffe vorbei sind«. Aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Stabilisierung kann man sich wieder mehr leisten – eine Tatsache, die auch Anlass dafür ist, über gesunde Ernährungsweisen nachzudenken. So wird die Forschung über die Wirkung der bisher bekannten Vitamine A, B und C vorangetrieben, und Ernährungswissenschaftler Otto Kestner aus Hamburg plädiert für eine »Amerikanisierung« der Nahrung. Darunter versteht Kestner eine Erhöhung des Fleischkonsums, der mit einem umfangreicheren Verzehr von Obst, Gemüse und Salat gekoppelt sein muss. Nach seiner Ansicht steigt infolge einer Veränderung der Produktionsweise von der Muskel- zu mehr Geistesarbeit der Bedarf des Körpers an tierischem Eiweiß. Dieser wird durch die bisherige Gewohnheit der Deutschen, sich hauptsächlich von Brot und Kartoffeln zu ernähren, nur ungenügend gedeckt. Hindernis für eine notwendige Ernährungsumstellung sind allerdings die hohen Preise für Fleisch, Obst und Gemüse. Sie beruhen auf der Zollpolitik des Reiches, die Lebensmitteleinfuhren mit hohen Zöllen belegt – obwohl die inländischen Landwirtschaftsprodukte bei Weitem nicht ausreichen. Eine gesunde Ernährung und kulinarische Genüsse werden also vorerst weiter das Vorrecht der Besserverdienenden sein.