Kunst vereint mit Technik

Kunst vereint mit Technik
Meisterhäuser in Dessau, Haus Gropius, rekonstruiert 2014. © Foto Josef Höckner, München

Wohnen und Design 1925:

Das alltagsästhetische Repertoire des Jahres 1925 ist von markanten Veränderungen gekennzeichnet. Die Gestaltung der Gebrauchsgegenstände – vom Aschenbecher bis zur Wohnungseinrichtung – zeugt immer deutlicher von dem Bemühen der Designer, nicht nur bei Luxus-, sondern auch bei Massenkonsumartikeln künstlerisch-ästhetische Konzepte zu realisieren.

Infolge neuer industrieller Fertigungsmethoden und Materialien (z. B. Stahlrohrbearbeitung und Press-Stoffe) haben die Designer stärker als bisher die Möglichkeit, stilistisch ausgereifte Gebrauchsgegenstände in großen Serien herstellen zu lassen. Die so beabsichtigte Realisierung eines kultur- und gesellschaftspolitischen Konzepts liegt den Designern ebenso am Herzen wie die Lösung formal-künstlerischer Probleme.

Neben der allgemeinen Forderung, »Kunst und Leben miteinander zu vereinen«, sieht man ein wesentliches Ziel darin, durch billige und zugleich schöne Gegenstände auch den einkommensschwachen Arbeitern eine Möglichkeit zu geben, ihre Umwelt entsprechend dieser Forderung zu gestalten.

Bauhaus-Gebäude in Dessau, Atelierhaus © Foto Josef Höckner, München

Bauhaus-Gebäude in Dessau, Atelierhaus © Foto Josef Höckner, München

»Kunst und Technik – eine neue Einheit« – dieses Motto von Walter Gropius, dem Direktor des »Bauhauses«, ist Ausdruck der Idee, mit Hilfe von Technik und Rationalisierung allen Menschen eine praktischere, wirtschaftlichere und schönere Umgebung zu schaffen. So erhofft man sich Verbesserung der Lebensqualität und – durch eine Ästhetisierung der Reproduktionssphäre – Freisetzen von Kreativität. Nach dem Umzug des »Bauhauses« von Weimar nach Dessau im Frühjahr 1925 sind es vor allem die dortigen Künstler, die sich um eine Realisierung dieser Idee bemühen. Es entstehen Gegenstände, die heute bereits zu den Klassikern im Design zählen und noch immer in unveränderter Form produziert werden, z. B. der »Wassily«-Sessel aus Stahlrohr, Ende 1925 entworfen von Marcel Breuer.

Eine Gegenbewegung zu der erstrebten Massenproduktion zeigt sich im »Art déco«, wobei das handwerklich-künstlerische Möbelstück eine neue Blüte erlebt. Wichtiger Bereich in der Möbelherstellung ist die Produktion von Mehrzweckmöbeln und Anbausystemen, die ebenfalls recht preiswert in den Handel kommen und den Bedürfnissen von Mietern der neu entstehenden Arbeiterwohnsiedlungen mit relativ kleinen Räumen entgegenkommen.

Allerdings stoßen die Neuentwicklungen der Designer nicht auf die erhoffte Nachfrage. Trotz günstiger Preise gehen gerade Käufer der unteren Bevölkerungsschichten an den einfachen Formen vorbei, verschmähen den neuen Stil und orientieren sich weiterhin an ihrem gewohnten Interieur.

Das Problem der Geschmacksbildung ist für die Formgestalter nicht neu. Schon vor dem Weltkrieg versuchten deshalb u. a. Künstler des »Werkbundes« gemeinsam mit der Industrie, durch schön gestaltete Alltagsgegenstände auf die Menschen in dieser Richtung innovativ einzuwirken. Mit den Maximen der Zweckmäßigkeit, Sachlichkeit und Funktionalität entwirft Peter Behrens seit dieser Zeit Formen für die Elektrogeräte der AEG, wie Staubsauger, Toaster, Küchenherde. Eine ähnliche Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Industrie gibt es u. a. in der Keramik-, Porzellan-, Glas- und Möbelbranche.

Entsprechend den neuen Aufgaben vergrößern sich die Ausbildungskapazitäten für Formgestalter. Neben dem »Bauhaus« sind es vor allem die Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein bei Halle und die ehemalige Reimann-Schule, die seit einem Jahr zur »Vereinigten Staatsschule für freie und angewandte Kunst« gehört. In dieser Schule sind die seit 1882 in freie und angewandte Kunst getrennten Ausbildungswege wieder zusammengeführt worden. Die darin zum Ausdruck kommende offizielle Anerkennung des künstlerischen Charakters des Design-Bereichs drückt sich auch in der Gründung des ersten deutschen Design-Museums aus. Initiator der dem Bayerischen Nationalmuseum angeschlossenen »Neuen Sammlung« in München ist Günther von Pechmann, Gründungsmitglied des »Werkbundes«.